Schwimmen lernen: Eine Fähigkeit fürs (Über)Leben

Warum immer weniger Kinder sicher schwimmen können – und was die DLRG dagegen tut


Schwimmen zu können ist weit mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Es ist eine grundlegende Fähigkeit, die Leben retten kann. Dennoch beherrschen immer weniger Kinder das sichere Schwimmen. Nach aktuellen Erhebungen können am Ende der Grundschulzeit 20 Prozent der Kinder gar nicht und rund 60 Prozent noch nicht sicher schwimmen – eine Entwicklung, die zunehmend Sorgen bereitet.

Besonders die Corona-Pandemie hat diese Situation weiter verschärft. Geschlossene Schwimmbäder, ausgefallener Unterricht und abgesagte Vereinsangebote haben ganze Jahrgänge zurückgeworfen. Doch die Ursachen reichen deutlich weiter zurück.

„Viele Eltern denken, Schwimmenlernen beginnt mit fünf oder sechs Jahren im Schwimmkurs“, erklärt Anja Geisel, stellvertretende Ressortleiterin Ausbildung beim DLRG-Landesverband Rheinland-Pfalz. „Tatsächlich beginnt es schon viel früher mit der Wassergewöhnung.“ Eltern-Kind-Kurse oder Babyschwimmen seien deshalb keineswegs ein überflüssiger Trend, sondern eine sinnvolle Vorbereitung auf das spätere Erlernen der Schwimmtechnik. Es geht dabei nicht darum, möglichst früh Schwimmen zu können, sondern den Bewegungsraum Wasser spielerisch kennenzulernen. „Erst kommen Wassergewöhnung und Grundfertigkeiten wie Tauchen, Atmen und Gleiten. Erst danach sollte die eigentliche Schwimmtechnik vermittelt werden“, so Geisel. Dieser Weg dauert zwar länger, führt aber nachhaltig zu mehr Sicherheit im Wasser.

Wenn der Schwimmkurs Jahre auf sich warten lässt

Gerade dieser Unterschied zwischen Wassergewöhnung und eigentlichem Schwimmenlernen werde häufig unterschätzt. Viele Kursangebote konzentrieren sich darauf, Kindern innerhalb weniger Unterrichtseinheiten das Seepferdchen-Abzeichen zu ermöglichen. Aus Sicht der DLRG greift dieser Ansatz jedoch zu kurz. „Das Seepferdchen bescheinigt das Beherrschen von wichtigen Grundlagen. Sicher schwimmen kann erst, wer den Freischwimmer, also das Schwimmabzeichen Bronze, abgelegt hat“, erläutert Geisel. Allein im vergangenen Jahr nahm die DLRG Rheinland-Pfalz e. V.  mit ihren Untergliederungen rund 10.000 Schwimmabzeichen ab – vom Seepferdchen bis zum Deutschen Schwimmabzeichen in Gold.

Dass viele Kinder heute mehr Zeit benötigen als früher, beobachten die Ausbilder*innen seit einigen Jahren deutlich. Neben einer oft fehlenden Wassergewöhnung seien auch Motorik, Gleichgewicht und Körpergefühl vieler Kinder schwächer ausgeprägt als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Dadurch verlängern sich auch die Schwimmkurse. Während manche Kinder bereits nach rund 20 Unterrichtseinheiten sicher schwimmen, benötigen andere 30 Stunden oder mehr. 

Die Nachfrage nach Schwimmkursen ist derweil so hoch wie nie zuvor. „In vielen Ortsgruppen stehen inzwischen 200 bis 300 Kinder auf der Warteliste“, berichtet Geisel. Wartezeiten von drei bis vier Jahren sind keine Seltenheit. „Wir empfehlen Eltern inzwischen tatsächlich, ihr Kind schon in den ersten Lebenswochen auf die Warteliste setzen zu lassen“, sagt Geisel. 

DLRG RLP IN ZAHLEN


1.830 ehrenamtlich Aktive
95.359 geleistete Stunden 

ABZEICHEN

3.406 Seepferdchen
3.238 Deutsches Schwimmabzeichen Bronze
2.141 Deutsches Schwimmabzeichen Silber
1.211 Deutsches Schwimmabzeichen Gold

NEUE QUALIFIKATIONEN

35 neue Lehrscheine 
13 neue Ausbilder Schwimmen
4 neue Ausbilder Rettungsschwimmen
32 neue DOSB-Trainer C
97 Ausbildungsassistenten Schwimmen
90 Ausbildungsassistenten Rettungsschwimmen

AKTUELLE QUALIFIKATIONEN

579 Lehrscheine 
79 Ausbilder Schwimmen
35 Ausbilder Rettungsschwimmen

Zu wenig Wasser, zu wenig Ausbilder

Die Ursachen für diese Engpässe sind vielfältig. Einerseits fehlt es vielerorts an geeigneten Wasserflächen. Zahlreiche Schwimmbäder oder Lehrschwimmbecken wurden in den vergangenen Jahren geschlossen, sind sanierungsbedürftig oder stehen Vereinen und Schulen nur eingeschränkt zur Verfügung. Andererseits fehlen zunehmend ehrenamtliche Ausbilder. „Es wird immer schwieriger, Menschen zu finden, die bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen“, berichtet Anja Geisel. Dabei basiert die gesamte Schwimmausbildung innerhalb der DLRG auf freiwilligem Engagement. Wie groß dieses Engagement ist, zeigen die Zahlen des Landesverbands: Rund 1.830 ehrenamtlich Aktive leisteten 2025 mehr als 95.000 Stunden für die Schwimmausbildung.

Wer Kinder bei der DLRG ausbilden möchte, absolviert zunächst eine umfangreiche Qualifizierung mit rund 120 Lerneinheiten. Neben Schwimmtechnik gehören Pädagogik, Methodik, Didaktik, Biomechanik, Rettungsschwimmen sowie rechtliche Grundlagen und Sicherheitsaspekte zur Ausbildung. Schließlich tragen die Ausbilder eine große Verantwortung. Im Anfängerschwimmen betreut ein Ausbilder in der Regel höchstens fünf Kinder gleichzeitig – in schwierigen Fällen teilweise sogar deutlich weniger.

Was Menschen trotz des hohen Zeitaufwands motiviert, beschreibt die langjährige DLRG-Ausbilderin sehr anschaulich: „Besonders bewegend sind die Momente, wenn Kinder ihre Angst überwinden und nach vielen Wochen erstmals selbstständig durchs Wasser gleiten oder stolz ihr Seepferdchen in den Händen halten.“ Gerade diese Momente seien es, die viele Ehrenamtliche Woche für Woche an den Beckenrand zurückkehren ließen.

Auch die Schulen sollten beim Schwimmenlernen eine wichtige Rolle spielen. Zwar ist Schwimmunterricht Bestandteil der Lehrpläne, doch fehlende Bäder, lange Anfahrtswege und Personalmangel machen die regelmäßige Umsetzung vielerorts unmöglich. „Aus Sicht der DLRG sollte jedes Grundschulkind verlässlich Zugang zu Schwimmunterricht erhalten – notfalls auch projektweise in Freibädern während der Sommermonate“, richtet Geisel einen deutlichen Appell an die Politik.

Damit möglichst viele Kinder schwimmen lernen, braucht es vor allem drei Dinge: mehr Wasserflächen, mehr qualifizierte Ausbilderinnen und Ausbilder sowie mehr gesellschaftliche Wertschätzung für das Ehrenamt. Denn Schwimmen ist weit mehr als eine Sportart. Es vermittelt Sicherheit, stärkt das Selbstvertrauen und kann im Ernstfall Leben retten.