Zwischen Anspruch und Stillstand

Was ist vom Positionspapier „Kulturgut Schwimmen“ übriggeblieben?

Dr. Ulrich Becker (ehem. LSB-Vizepräsident), Jochen Borchert (LSB-Präsident 2019/20) und Prof. Dr. Lutz Thieme (LSB-Präsident 2018/19) stellen 2020 das Positionspapier der Öffentlichkeit vor


Sechs Jahre nach seiner Veröffentlichung wirkt das Positionspapier „Kulturgut Schwimmen in Rheinland-Pfalz“ wie ein Dokument mit zwei Lesarten: Auf der einen Seite steht ein breit abgestimmter, fachlich fundierter Ansatz, entwickelt nicht nur vom organisierten Sport. Auf der anderen Seite muss man feststellen, dass die politische Wirkung ausgeblieben ist. 

Im Gespräch mit SPORT Rheinland-Pfalz ordnet Sportwissenschaftler Prof. Dr. Lutz Thieme (Hochschule Koblenz), der eine entscheidende Rolle in der Entstehung des Papiers eingenommen hat, dieses Spannungsfeld ein und liefert gleichzeitig Ideen, welche Lehren aus der Vergangenheit für die aktuelle politische Situation gezogen werden könnten.

Als das Positionspapier 2019 initiiert und 2020 mit der Übergabe an den damaligen Sportminister Roger Lewentz veröffentlicht wurde, war die Ausgangslage klar. Schwimmen sollte als gesellschaftlich relevante Kulturtechnik stärker in den Fokus rücken. Der Anspruch ging bewusst über klassische Sportförderung hinaus. Es ging um Teilhabe, Sicherheit, Bildung und Infrastruktur.

Ein ambitionierter Ansatz ohne nachhaltige Wirkung

„Es fehlte in der Zeit vor dem Positionspapier vor allem an einem Akteur, der das Thema bündelt. Es war nicht neu, dass die Schwimmbadinfrastruktur in die Jahre gekommen war“, beschreibt Thieme rückblickend. Vielleicht hat es das persönliche Interesse fürs Schwimmen und das Wissen über die positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft – wenn man denn sicher Schwimmen kann – in Verbindung mit seiner Person als Wissenschaftler und eben LSB-Präsident gebraucht, um den Landessportbund Rheinland-Pfalz genau diese Rolle zu geben. Zahlreiche Akteure, wie Sportbünde, Fachverbände, Sportlehrerverband und Landeselternbeirat lieferten Inhalte und schlossen sich der erarbeiteten Position an. Das Papier war absichtlich nicht als Forderungskatalog aufgesetzt. Es sollte Lösungen skizzieren und einen Masterplan entwickeln – gemeinsam von Sport, Gesellschaft und Politik.

Wenn das politische Kapital eingefahren ist, muss es weiter gehen.

Prof. Dr. Lutz Thieme

Doch nach der Veröffentlichung kam der Prozess ins Stocken. „Die Resonanz war faktisch null“, so Thieme. Weder seitens der Landesregierung noch aus den Kommunen sei eine ernsthafte Auseinandersetzung erfolgt. Selbst die klassische politische Anschlusskommunikation etwa in Form von Runden Tischen oder Folgeprozessen blieb aus. „Das politische Kapital war mit der Übergabe eingefahren, die Probleme strukturiert anzugehen war dafür nicht notwendig.“

Strukturelle Probleme statt kurzfristiger Debatten

Die fehlende Wirkung ist dabei kein Zufall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems. Rheinland-Pfalz folgt traditionell dem Prinzip, dass Sportstätten und damit auch Schwimmbäder kommunale Aufgabe sind. Das Land fördert punktuell, erhebt aber keinen Anspruch auf Steuerung.

In der Folge sieht man eine Infrastruktur, die sich aus Einzelentscheidungen zusammensetzt. Mal ist es die Verbandsgemeinde, mal der Landkreis und am Beispiel Dickendorf, Gimbsheim oder auch Mainz (siehe Berichte in dieser Ausgabe) auch mal ein Verein. Abhängig von den Haushaltslagen und den lokalen Blickwinkeln wird ein Bad neu gebaut, saniert oder geschlossen. Für Thieme ist klar: „Das führt zu erheblichen Disparitäten.“ In manchen Regionen stehe ein Vielfaches an Wasserfläche zur Verfügung, während andere im Vergleich deutlich unterversorgt seien. Tatsächlich geht es weniger um die absolute Zahl der Bäder als um Qualität, Erreichbarkeit und Nutzungsmöglichkeiten. Genau hier setzte das Positionspapier an und genau hier fehlt es vor Ort bis heute eine systematische Weiterentwicklung

Während der Corona-Hochphase arbeiteten der organisierte Sport, u.a. LSB, Sportbünde, DLRG, Schwimmverbände, Sporttaucher, zusammen an einem gemeinsamen Positionspapier

Schulschwimmen bleibt die größte Baustelle

Besonders deutlich werden die Defizite beim Schulschwimmen. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass ein erheblicher Anteil der Grundschulen in Rheinland-Pfalz keinen regelmäßigen Schwimmunterricht anbieten kann. Gleichzeitig fehlen verlässliche Daten darüber, wie viele Kinder davon betroffen sind und wie viele tatsächlich sicher schwimmen können. Für Thieme ist das ein zentraler Punkt: „Wenn Schwimmen Pflichtbestandteil des Lehrplans ist und eine Kulturtechnik sein soll, müssen wir auch messen, ob sie vermittelt wird.“ Ohne systematische Datenerhebung bleiben bildungs- und sportpolitische Ziele oder Wünsche in weiter Ferne.

Lehren für Landesregierung und Sport

Mit dem aktuellen Koalitionsvertrag scheint das Thema zumindest wieder im politischen Blickfeld. Doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, von allein passiert nichts. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Welche Lehren zieht man aus der Vergangenheit? Diese Frage beantwortet Thieme so: „Es braucht klare Ziele, Steuerungsimpulse durchs das Land, einen ganzheitlichen Ansatz – Bäder zu bauen oder zu sanieren, reicht nicht aus. Es braucht ebenso Personal und einen modernen didaktischen Ansatz beim Schulschwimmen und im Verein.“ 

Es braucht eine klare Initiative der Landesregierung, insbesondere beim Schulschwimmen.

Prof. Dr. Lutz Thieme

Doch auch dies wird am Ende nicht in die Umsetzung kommen, wenn sich Politik und Sport nicht regelmäßig austauschen. „Die Runden Tische zum Schwimmen beispielsweise, die vormals von allen Parteien im rheinland-pfälzischen Landtag gefordert und beschlossen wurden, haben leider nicht stattgefunden“, wiederholt Thieme, dass es eine klare Initiative der Landesregierung braucht, insbesondere beim Schulschwimmen. Der Sport müsse zusätzlich – wie schon während des Landtagswahlkampfes – den Druck aufrechterhalten und auch eigene Beiträge zur Problemlösung leisten.

Ein offenes Kapitel

Heute bietet sich der neuen Landesregierung aus CDU und SPD die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen. Das Wissen ist vorhanden, die Problemfelder sind klar benannt. Was fehlt, ist die konsequente und bewusste Umsetzung. Oder, wie es Lutz Thieme formuliert: „Wir müssen weg vom Sammeln von politischem Kapital durch ritualisierte Kommunikation hin zu echter gemeinsamer Problembearbeitung.“ Das Positionspapier von 2020 ist damit kein abgeschlossenes Kapitel, die damaligen Lösungsansätze können helfen, die Zukunft des Schwimmens zu verbessern.