Die Klarheit aus eigener Erfahrung

Ex-Leichtathletin Ulrike Breitbach und das „Danach“


Ulrike Breitbach war als Teenagerin ein aufstrebendes Talent in der Leichtathletik. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie Opfer von sexueller Gewalt wurde. Ausgeübt ausgerechnet durch ihren Trainer. Jahrelang litt sie unter den Folgen – im Sport, im Alltag. Erst nach rund drei Jahrzehnten fand sie den Mut, die Geschehnisse öffentlich zu machen.

Entspannt und mit einem Lächeln im Gesicht sitzt Ulrike Breitbach vor ihrem Rechner. Der Raum um sie herum ist lichtdurchflutet. Warmes Grün an den Wänden, ein Klavier, ein paar Bilder, zahlreiche Pflanzen. Sie spricht gelöst, ihre Stimme klingt freundlich. Sie erzählt mit dieser Klarheit, die aus Erfahrung entsteht. Aus eigener Erfahrung. Zwischendurch lacht sie immer mal wieder. Fast beiläufig. Und gerade deshalb wirkt es umso bemerkenswerter, worüber sie gerade eigentlich spricht.

Mit 14 Jahren beginnt Ulrike mit dem Sport. Als Hürdenläuferin macht sie schnell große Fortschritte. Ihrem Trainer, der gerade einmal rund zehn Jahre älter als sie selbst ist, bleibt ihr Talent nicht lange verborgen. Er widmet sich ihr intensiv. Er fördert und betreut sie. Die junge Nachwuchssportlerin freut sich zunächst über so viel Aufmerksamkeit. Doch mit der Zeit wird das Verhalten ihres Trainers aufdringlich, beinahe übergriffig. „Das ging in eine Richtung, die ich nicht mehr gut fand“, erinnert sich Ulrike: „Das ging über eine Trainerbeziehung hinaus.“ Immer mehr Andeutungen, Einzelbetreuung, zu viele Massagen und Berührungen – Ulrike merkt, dass für sie eine Grenze überschritten ist. Sie wehrt sich fortan permanent, auch körperlich. Zunehmend fühlt sie sich aber immer unwohler. Ein Gefühl, das sie noch viele Jahre begleiten sollte.

Nicht die Taten selbst stehen heute, über 30 Jahre später, im Zentrum ihrer Erzählung. Sondern die Folgen, die ihren Alltag noch lange Zeit erschwerten. Anspannung, permanentes unter Strom stehen. Ihr Körper sei sehr lange „auf der Flucht“ gewesen, berichtet Ulrike. Nackenschmerzen wurden zu einem stetigen Begleiter im Alltag. Jahrelang glaubt sie sogar, diese Schmerzen seien normal. „So fühlt man sich eben.“ Durch Zufall realisiert sie in einem Workshop, was, oder besser gesagt, wer der Auslöser dafür ist: „Ein Mensch, der mir mit seinen Händen im Nacken sitzt.“ Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg der Verarbeitung. „Dann habe ich das gelöst und gemerkt, dass ich auf einmal keine Schmerzen mehr habe.“ Ein „krasses Gefühl“ sei das gewesen. Speziell Massagen sind nach den Erlebnissen in ihrer Kindheit für sie lange Zeit ein rotes Tuch. „Das war etwas, wofür ich komplett nicht mehr empfänglich war“, sagt die heute verheiratete zweifache Mutter. Mittlerweile, nach viel harter Arbeit, gehe sie aber sogar gerne zur Thai-Massage, erzählt sie stolz.

Diese klassische "Täter-Opfer-Umkehr" war für mich das Schlimmste.


Auch psychisch wird die junge Ulrike von ihrem Trainer unter Druck gesetzt. Quasi erpresst. Wenn sie sich nicht auf ihn einlasse, würde er die Trainingsgruppe verlassen. Und dann wäre sie daran schuld. Nicht sie sei das Opfer, sondern er. Weil sie ihn immer wieder zurückweist. „Diese klassische Täter-Opfer-Umkehr war für mich das Schlimmste“, berichtet sie.

Ein Vereinswechsel bringt zunächst Besserung. Neues Umfeld, neue Trainer, die fragen wie es ihr geht und es ernst und vor allem ehrlich mit ihr meinen. Die Nachwuchs-Athletin erlebt eine Leistungsexplosion. Doch macht sie hier auch erstmals Erfahrungen mit den mentalen Auswirkungen des Erlebten. Eine innere Blockade hält sie in den entscheidenden Situationen davon ab, Höchstleistung zu zeigen. Erfolg ist gefährlich und macht einsam. Pass auf, so viel Erfolg ist nicht gut – diese Denkweise bestimmt nicht nur ihr sportliches Tun, sondern auch Momente im Schulalltag oder später im Studium. Besonders ein innerer Satz, den Ulrike sogar in ihr Tagebuch schreibt, bremst sie über Jahre immer wieder aus: „Nicht heute, beim nächsten Mal.“ Doch oftmals gibt es kein nächstes Mal.

Nach einem weiteren Vereinswechsel beendet sie mit Anfang 20 ihre sportliche Karriere. Sie studiert Sport- und Kommunikationswissenschaft, geht für eine Weile ins Ausland, gründet eine Familie. Nach außen wirkt ihr Leben geordnet. Doch das Erlebte wirkt weiter – oft unbemerkt. Denn jahrelang ist Ulrike gar nicht klar, was ihr damals überhaupt genau widerfahren ist. „Er hat mich nicht vergewaltigt. Er ist mir permanent zu nahegekommen und hat mich emotional erpresst. Das war ein Vokabular, das hatte ich einfach nicht“, erinnert sie sich an die frühere Zeit. Damals sei sie nicht auf die Idee gekommen, das auch in diese Kategorie zu schieben.

Erst viele Jahre später findet sie Worte für das, was sie als Jugendliche erlebt hat. Nicht, weil die Erinnerung neu wäre, sondern weil der gesellschaftliche Raum dafür lange fehlte. Im Radio hört sie vor wenigen Jahren einen Aufruf der Aufarbeitungskommission des Bundes. Auch auf Plakaten sieht sie ihn immer wieder. Und ihr Körper reagiert. „Da habe ich gemerkt, das macht etwas mit mir. Ich konnte das nicht ignorieren.“ 

In einem langen und ehrlichen Gespräch berichtet Ulrike Breitbach Redaktionsleiter Dominik Seel von ihrer Erfahrung.

Dennoch vergehen Monate. Monate, in denen Ulrike das Fenster der Aufarbeitungskommission in ihrem Internetbrowser offen hat. Schließlich berichtet sie der ehemaligen Volleyball-Nationalspielerin Angelina Hübner, mit der sie ein Unternehmen für Coaching & Mentoring für Sportler*innen und Trainer*innen gegründet hat, davon. „Irgendwie habe ich gemerkt, das macht auch etwas mit ihr.“ Sie erzählt ihr von damals, von dem, was sie erleben musste. Ein Narrativ begleitet sie dabei besonders stark: Komm schon, jetzt hab dich nicht so. Es ist ihr innerer Kampf, ob ihre Erlebnisse „schon schlimm genug“ sind, wie sie sagt, um sie als sexualisierte Gewalt zu bezeichnen. Angelina und eine weitere Kollegin unterstützen Ulrike in dieser Auseinandersetzung. „Das war für mich im Prinzip der Startschuss.“

Sie wendet sich an die Aufarbeitungskommission, schreibt eine E-Mail. „Ein extrem emotionaler Schritt“, sagt sie heute. Es ist ein Moment zwischen emotionalem Zusammenbruch und Erleichterung, als sie auf ‚Senden‘ drückt. Zwischen dem Wunsch, es nicht größer zu machen – und der Erkenntnis, dass es bereits groß ist.

Was folgt, ist keine einfache Zeit. Es ist eine Zeit, in der Ulrike immer bewusster wird, was ihr damals passiert ist. Sie setzt sich mit dem Geschehenen auseinander. Sie erzählt ihrem Mann, ihren Eltern und den engsten Vertrauten erstmals von den Taten ihres einstigen Trainers. Therapie, spezielle Massagen, harte emotionale Arbeit und körperlich anstrengende Momente stehen an der Tagesordnung. Der erste Termin bei der Aufarbeitungskommission – sie ist die erste Person, die sich überhaupt gemeldet hat – lässt sie laut eigener Aussage um fünf Jahre altern. Dennoch war dieses Gespräch „ein ganz entscheidender Schritt in Richtung meines inneren Heilungsprozesses.“ Ulrike realisiert endgültig, dass ihr Geist und ihr Körper sich dauerhaft in Alarmbereitschaft befanden: „Es war nur nicht die ganze Zeit präsent.“

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Inzwischen weiß sie, wie tief sich Erfahrungen von Grenzverletzung ins Körpergedächtnis einbrennen können. Und dass ein Trauma nicht dauerhaft laut sein muss, um wirksam zu sein. Dass Heilung kein Ziel ist, das man erreicht und abhakt, sondern ein Prozess, der sich verändert. „Es kommt manchmal in einem neuen Gewand zurück“, sagt sie. Leiser. Anders. Aber erkennbar.

Dass sie sich nicht schon viel früher geöffnet hat, nimmt sie sich selbst nicht böse. Emotionen wie Scham, Angst und Schuld sowie fehlende Akzeptanz in der breiten Masse für das Thema hätten es ihr damals und in den Jahren danach einfach unmöglich gemacht. Es sei eine wahnsinnig große Hürde für sie gewesen, sich selbst einzugestehen, dass das mit einem selbst passiert ist.

Ein Grund, dass die frühere Leichtathletin diese Hürde inzwischen genommen hat, ist zu großen Teilen auch ihre Kollegin Angelina. Die uneingeschränkte Unterstützung und das vermittelte Gefühl von Sicherheit und Vertrauen waren für Ulrike „ganz entscheidend“ auf dem Weg zur Kontaktaufnahme mit der Aufarbeitungskommission. Angelina habe ihr den „letzten Schubs“ gegeben.

Heute, rund 35 Jahre nach den Geschehnissen, sieht sich Ulrike „auf einem guten Weg“, wie sie beinahe freudig lachend berichtet. Trauer komme bei ihr nur noch selten auf. Und wenn, dann nicht wegen den Taten, sondern wegen den verpassten sportlichen Chancen. Da stecke eben noch eine Athletin in ihr, die noch immer trauert. „Aber das ist ok. Das ist wirklich ok.“

Ihre heutige Arbeit als Mentaltrainerin und Mentorin für Sportler*innen ist geprägt durch ihre eigenen Erfahrungen. Haltung und Zuhören stehen im Vordergrund. Es geht für sie um die Frage, wie sich Menschen im Sport fühlen dürfen – und was sie brauchen, um sich erfolgreich entwickeln zu können. Sie spricht mit Athlet*innen über Grenzen, lange bevor sie überschritten werden. Über Nähe, die nicht selbstverständlich ist. Über Leistung, die nicht aus Abhängigkeit entsteht. Ihre feinen Antennen, die sie aus den eigenen Erfahrungen entwickelt hat, helfen ihr dabei. Das „Allergeilste“ sei für sie, wenn jemand „total zu sich gefunden hat, seinen Sport auf seine Art und Weise macht, das voll und ganz genießt.“

Was Ulrike sich wünscht, ist kein perfektes System. Sondern ein ehrliches Interesse daran, was junge Menschen im Sport brauchen. Was eine 14‑jährige Turnerin braucht. Oder ein 17‑jähriger Volleyballer. Damit sie gerne ins Training gehen. Damit sie sagen können: Das hat sich für mich gelohnt. Wenn Sportler*innen eine wirklich gute Zeit haben, sagt sie, dann entwickeln sie auch Leistung. Man müsse ihnen dafür nichts aufzwingen – man dürfe sie nur nicht daran hindern. Medaillenlisten seien dafür kein Maßstab. Entscheidend sei, ob Trainer*innen zuhören, ob sie Beziehungen auf Augenhöhe zulassen und ob sie bereit sind, Menschen als ganze Persönlichkeiten zu sehen. Sport, sagt Ulrike, könne unglaublich viel geben. Wenn man ihn lässt.

„Ich hätte diese Erfahrung nicht gebraucht“, sagt sie. Und zugleich weiß Ulrike, dass genau diese Jahre ihre Wahrnehmung geschärft haben. Für Macht. Für Grenzen. Für Zwischentöne. Aus diesem Negativen hat sie etwas gemacht – etwas Positives. Wenn Ulrike heute von Sport erzählt, dann spricht sie nicht von Härte oder Durchhalten. Sondern von Entwicklung. Von Vertrauen. Und von Räumen, in denen Menschen wachsen dürfen. Entspannt, mit einem Lächeln – und mit dieser Klarheit, die aus Erfahrung entsteht. Aus eigener Erfahrung.