"JEDER KANN DEN UNTERSCHIED MACHEN"

Gewaltprävention im organisierten Sport: Perspektivisch braucht es dauerhaft Ressourcen

Gewaltprävention ist längst kein Randthema mehr – auch nicht im organisierten Sport. Susanne Hoß (Geschäftsführerin der Sportjugend Rheinland und Abteilungsleiterin Sportjugend beim Sportbund Rheinland) und Oliver Kalb (Abteilungsleiter Gesellschaftspolitik und Ansprechpartner für Prävention vor Gewalt im Sport beim Landessportbund RLP)  beschäftigen sich seit mehr als 15 Jahren intensiv mit dem Schutz vor Gewalt. Im Haus des Sports in Koblenz sprechen sie über ihre Anfänge, persönliche Erfahrungen und darüber, was sie von der Zukunft erwarten. 

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Du kannst dir das komplette Interview auch als Audio-Datei anhören. (Länge: 59:16 Minuten)

Hallo Susanne, hallo Oliver. Ihr engagiert euch beide schon lange für das Thema Gewaltprävention im Sport. Wie sehen denn eure täglichen Aufgaben im LSB und der Sportjugend aus? Und wann war euer erster Kontakt im Themenfeld Gewaltprävention? 

SUSANNE: Mein Hauptthemenfeld ist die Jugendarbeit, der Kinderschutz ist ebenfalls bei uns angesiedelt. Ich arbeite seit 2008 beim Sportbund Rheinland und bin eigentlich auch seit diesem Zeitpunkt mit dem Themenfeld Gewaltprävention beziehungsweise Kindeswohlgefährdung beschäftigt.

OLIVER: Ich habe über mein Studium zum Sport gefunden. Zunächst habe ich in der LSB-Abteilung Sportentwicklung gearbeitet und darf seit 2018 die Abteilung Gesellschaftspolitik leiten. Dort geht es unter anderem um Diversity, also um Menschen, die im Sport unterrepräsentiert sind, aber eben auch um das Thema gewaltfreier Sport. Deshalb beschäftige ich mich seit 2010 beruflich mit dem Themengebiet Schutz vor Gewalt – damals noch unter dem Titel „Schutz vor sexualisierter Gewalt“.

Ihr seid beide um 2010 herum sehr intensiv in dieses Themenfeld eingestiegen. Nehmt uns bitte mit in die Anfänge: Wie ist das Thema im organisierten Sport entstanden? Was war der Auslöser, und wie habt ihr das persönlich erlebt?

SUSANNE: Bei mir war das Thema tatsächlich schon etwas früher präsent. Als ich 2008 bei der Sportjugend angefangen habe, waren wir gerade in den letzten Zügen einer Vereinbarung mit dem Jugendamt Koblenz zur Kindeswohlgefährdung nach § 8a Sozialgesetzbuch VIII. In Vorbereitung darauf hatten wir das Themenfeld bereits 2007/2008 in unseren Ausbildungen integriert – damals allerdings noch nicht unter dem Schwerpunkt sexualisierte Gewalt, sondern allgemeiner als Kindeswohlgefährdung. Als dann 2010 die großen medialen Fälle aufkamen, etwa die Odenwaldschule oder in der Kirche, war schnell klar: Auch der Sport muss sich mit dem Thema befassen. Und da hieß es bei uns relativ zügig, das ist ein Jugendthema – also lag es bei uns in der Sportjugend.

OLIVER: Ich war 2010 ganz frisch im Beruf. Ich habe das Thema zunächst über interne Prozesse wahrgenommen, nicht so sehr über Medienberichte. In Geschäftsführungsrunden auf Bundesebene wurde auf einmal intensiv über sexualisierte Gewalt im Sport gesprochen. Der DOSB hat das Thema sehr stark vorangetrieben, und mit etwas Verzögerung kam es dann auch bei uns im Landessportbund an. Ich habe also eher über diesen organisatorischen Weg den ersten intensiven Kontakt zum Thema bekommen.

Wie habt ihr das Thema persönlich aufgenommen? Gab es mehr Motivation oder mehr Unsicherheit?

OLIVER: Ich habe mir das Thema tatsächlich gewünscht. Ich bin damals aktiv auf meinen Geschäftsführer zugegangen und habe gesagt, dass ich mich gerne diesem Themenfeld annehmen würde. Natürlich war ich überhaupt nicht qualifiziert. Ich musste mich einlesen, Fortbildungen besuchen, Netzwerke aufbauen. Privat hat mich sicherlich auch meine Zeit als Schwimmer und Trainer im Schwimmsport geprägt. Ich hatte einen Jugendtrainer, der sehr respektvoll gearbeitet hat, uns beteiligt hat und sehr auf Privatsphäre geachtet hat. Rückblickend habe ich aber auch Situationen erlebt, bei denen ich heute sagen würde: Das war nicht richtig. Vielleicht hat genau das dazu geführt, dass ich mich beruflich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe.


SUSANNE: Ich kann ganz offen sagen: Gewünscht habe ich mir das Thema nicht. Als ich angefangen habe, mich intensiver damit auseinanderzusetzen, war das sehr aufwühlend. Ich habe viele Schulungen besucht, auch bei externen Anbietern, und das war emotional nicht einfach. Was mich gestört hat, war, dass der Sport oft als Negativbeispiel herangezogen wurde. Ich hatte das Gefühl, wir stehen am Pranger. Als Übungsleiterin selbst hatte ich dann auch erst einmal diese Gedanken: „Darf man jetzt eigentlich gar nichts mehr?“ Das Pendel ist am Anfang sehr weit ausgeschlagen, bis sich dann langsam ein gesunder Umgang entwickelt hat – weg vom Verbieten, hin zu einem bewussten Umgang mit Nähe und Distanz.

Die ersten Entwicklungen waren dann der Verhaltenskodex und die Integration des Themas in die Ausbildungen. Wie offen war der organisierte Sport dafür?

SUSANNE: Gerade im Kinder- und Jugendbereich war die Offenheit relativ groß. Da gab es wenig Widerstände. Anders sah es teilweise im Erwachsenenbereich aus. Dort hieß es oft: „Das ist doch kein Thema für uns.“ Ich habe relativ früh Risikoanalysen erstellt und habe Kolleginnen und Kollegen auch auf mögliche Risikobereiche hingewiesen. Das kam sicher nicht immer gut an. Viele Vereine haben gesagt: „Bei uns passiert so etwas nicht, wir kennen uns alle.“ Dieses Denken zu verändern, hat sehr lange gedauert.

OLIVER: Ich erinnere mich vor allem an viele Fragezeichen. 2012 haben wir vorgeschlagen, dass jeder, der eine Trainer- oder Übungsleiterlizenz erwirbt oder verlängert, einen Verhaltenskodex unterschreibt. Gegenwehr gab es kaum, aber Unverständnis: „Warum sollen wir das unterschreiben?“ Es war damals noch ein starkes Tabuthema, das erst langsam aufgebrochen werden musste.

Man sitzt am Schreibtisch, dann klingelt das Telefon – und plötzlich muss man voll da sein, bei einem hoch emotionalen Thema.

Oliver Kalb

Was ist dann passiert, als das Telefon das erste Mal klingelte und ein konkreter Fall geschildert wurde?

OLIVER: Ganz am Anfang war ich ehrlich gesagt überfordert. Man sitzt am Schreibtisch, arbeitet an etwas anderem, und dann klingelt das Telefon – und plötzlich muss man voll da sein, bei einem hoch emotionalen Thema. Auch heute, nach vielen Jahren, ist das emotional. Ich nehme Dinge durchaus mit nach Hause. Was uns sehr geholfen hat, war, dass wir uns schnell vernetzt haben, Fachstellen kontaktiert und uns gegenseitig – LSB und Sportbünde – abgestimmt haben.

SUSANNE: Die ersten Fälle kamen bei uns oft über Umwege an. Häufig war das Kind sprichwörtlich schon in den Brunnen gefallen. Als dann die direkten Anrufe kamen, waren wir schon einige Jahre im Thema. Trotzdem musste man sich sammeln, tief durchatmen und sehr bewusst zuhören. Auch heute gibt es nicht den einen richtigen Weg, denn jeder Fall ist anders. Das macht dieses Themenfeld so anspruchsvoll.

Was habt ihr aus diesen realen Fällen gelernt – auch für die Beratung von Vereinen und Verbänden?

SUSANNE: Wir haben sehr viel strukturell gelernt. Heute haben wir Meldebögen, Vorlagen, klare Abläufe. Diese Dinge sind mit den Fällen gewachsen. Auch Netzwerke vor Ort haben sich entwickelt, zu Fachstellen in den Kreisen. Das macht die Arbeit heute deutlich professioneller.

OLIVER: Ich würde das unterstreichen. Früher war vieles improvisiert. Heute gibt es geschützte Räume, eigene Telefonnummern und klare Strukturen. Diese Entwicklung war zwingend notwendig.



Macht es aus eurer Sicht einen Unterschied, ob es sich um einen prominenten Fall oder einen Fall aus dem Breitensport handelt?

SUSANNE: Für die Bedeutung des Falls darf es keinen Unterschied machen. Ich persönlich empfinde Fälle aus dem Vereinssport oft als besonders nah, weil sie in sehr vertrauten Strukturen stattfinden. Spitzensportler entscheiden sich häufiger bewusst für den Gang an die Öffentlichkeit. Im Breitensport würden wir das eher nicht empfehlen.

OLIVER: In der medialen Wahrnehmung gibt es definitiv Unterschiede. Bei prominenten Fällen melden sich sehr schnell Medien. Bei Fällen aus dem Breitensport passiert das meist nicht. Aber für uns ist klar: Leid ist Leid – unabhängig von der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Ein weiterer wichtiger Schritt war das Projekt „Wir schauen hin“. Worum ging es dabei?

OLIVER: Studien haben gezeigt, dass Dachorganisationen gut arbeiten, aber viele Vereine noch nicht ausreichend erreicht werden. Deshalb haben wir ein Projekt entwickelt, bei dem Vereine über zwölf Monate begleitet werden, Ansprechpersonen qualifizieren und Schutzkonzepte entwickeln. Das war sehr eng begleitet und aus meiner Sicht eine echte Erfolgsgeschichte.

An wen kann sich jemand wenden, der selbst betroffen ist?

SUSANNE: Das Wichtigste ist, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen. Das kann eine Freundin sein, eine Beratungsstelle oder auch wir im Sport. Niemand muss das allein tragen. Auch Vereine sollten sich Hilfe holen und nicht versuchen, alles allein zu regeln.

OLIVER: Aktuell bündeln wir alle Meldungen in einer zentralen Meldestelle beim Landessportbund. Wir arbeiten dabei eng mit den regionalen Sportbünden zusammen und verstehen uns immer als Team.

Das Wichtigste ist, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen.

Susanne Hoß

Warum war die Einrichtung dieser Meldestelle notwendig?

SUSANNE: Die Fallzahlen sind gestiegen und solche Fälle lassen sich nicht nebenbei bearbeiten. Ein Anruf hat immer Priorität und bindet Zeit über Tage hinweg. Das war langfristig mit unseren bisherigen Aufgaben nicht mehr leistbar.

OLIVER: Seit 2010 haben wir ohne zusätzliche Personalressourcen gearbeitet. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem klar ist: Dieses Themenfeld braucht dauerhaft Stellen. Aktuell finanzieren wir diese zentrale Meldestellen aus Mitteln, die aus den Abteilungen Gesellschaftspolitik, Leistungssport und Sportjugend zusammengetragen werden.

Zum Schluss: Wo steht der Sport bei dem Thema in zehn bis fünfzehn Jahren?

OLIVER: Ich wünsche mir, dass respektvolles Miteinander im Sport selbstverständlich ist. 
Der Großteil des Sports leistet hervorragende Arbeit, aber wir müssen weiter sensibilisieren und optimieren.

SUSANNE: Ich wünsche mir, dass nahezu jeder Verein zumindest ein Schutzkonzept hat. 
Und vor allem, dass jeder weiß: Jeder Einzelne kann den Unterschied machen.

Das Interview führte Dominik Sonndag