Zwei Bäder, zwei Wege, ein Ziel
Vereine als Schwimmbadbetreiber
Auf den ersten Blick könnten die Unterschiede kaum größer sein. Hier das große Schwimmbad „Am Großen Sand“ in Mainz-Mombach mit Hallenbad, Traglufthalle und einer der größten Schwimmschulen Deutschlands. Dort das idyllische Freibad Dickendorf im Westerwald, das seit fast 100 Jahren von einem Dorfverein getragen wird. Und doch verbindet beide Bäder eine zentrale Gemeinsamkeit: Ohne den Einsatz ihrer Vereine gäbe es sie heute vermutlich nicht mehr.
Bürgerbegehren und Grundsteinlegung – wie alles begann
Der Mainzer Schwimmverein 1901 betreibt das Mombacher Schwimmbad „Am Großen Sand bereits seit 2006 in Eigenverantwortung. Und zwar ziemlich erfolgreich. „2005 gab es einen Stadtratsbeschluss, dass das Mombacher Bad geschlossen wird – weil die Wirtschaftlichkeit nicht mehr vorhanden war“, öffnet Torsten Traxel, MSV-Boss und zugleich Geschäftsführer der Schwimmbad Mainzer Schwimmverein gGmbH, die das Schwimmbad im Arbeiterstadtteil Mombach betreibt, die Gedächtnisschublade. Was folgte war ein Bürgerbegehren. „Aufgrund dieses Bürgerbegehrens durfte das Bad nicht geschlossen werden, die Stadt musste es ausschreiben“, so Traxel. Der MSV beteiligte sich mit einem Konzept an der Ausschreibung. Und erhielt zu seiner eigenen Überraschung den Zuschlag. Zum Konstrukt erläutert Traxel: „Es gibt einen Konzessionsvertrag mit der Stadt Mainz. Eigentümer von allem ist nach wie vor die Stadt. Wir sind der Betreiber. Wir zahlen keine Pacht. Wir bekommen einen Zuschuss, der ein Drittel dessen beträgt, was die Stadt im Jahr 2006 an Kosten für das Bad hatte. Damit ist auch der gesamte Schulsport schon abgegolten.“
Wir fiebern schon unserem Hundertjährigen entgegen.
Jaqueline Hüsch - 2. Vorsitzende SV Dickendorf 1931
Ganz anders sieht die Schwimmbad-Geschichte in Dickendorf aus. „Wir fiebern schon unserem Hundertjährigen entgegen“, erläutert Jaqueline Hüsch, 2. Vorsitzende des Schwimmverein Dickendorf 1931. Die Jahreszahl im Vereinsnamen steht für das Jahr der Vereinsgründung und der Grundsteinlegung des Freibads Dickendorf. Dort, wo zwei Bäche zusammenfließen, haben sich 1931 einige Einwohner*innen zusammengetan und mit großen Steinen ein Becken aufgeschichtet. Gleichzeitig gründeten sie den Verein als Betreiber des Bades. Bis heute ist das idyllisch gelegene Freibad fest in Vereinshand.
Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Freibad immer weiter modernisiert. Aus den aufgeschichteten Steinen wurde schon bald ein betoniertes Becken, aus dem Bachwasser, mit dem das Schwimmbad ursprünglich befüllt wurde, wurde Leitungswasser. „Da hat das Gesundheitsamt irgendwann etwas dagegen gehabt“, schmunzelt Hüsch. Nach und nach entstand so die Anlage, wie man sie heute kennt: ein 38 mal 17 Meter großes Becken mit Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich inklusive Rutsche, ein Kinderbecken und eine 3.800 Quadratmeter Liegewiese inmitten von Natur und Vogelgezwitscher.
Während in dem 350-Einwohner-Dorf im Landkreis Altenkirchen die Vereinsgeschichte nahezu deckungsgleich mit der Geschichte des Schwimmbads verläuft, musste sich das Mainzer Modell erst entwickeln.
Impressionen aus dem Dickendorfer Freibad
Professionell organisiert – ehrenamtlich getragen
„Wir haben eine gemeinnützige GmbH für den Betrieb gegründet, der einzige Gesellschafter ist der MSV. Innerhalb der gGmbH gibt es keinerlei Ehrenamtlichkeit. Ehrenamtlichkeit gibt es ausschließlich im e.V.“, erläutert Traxel. Das war von Beginn Teil des Konstrukts. Und hat sich auch nach 20 Jahren absolut bewährt. Heute macht der Verein mit seinen 720 Mitgliedern (davon elf Vorstandsmitglieder) und 30 Übungsleiter*innen – durch die Bank Ehrenamtler*innen – einen vitalen Eindruck.
Auch in Dickendorf spielt das Ehrenamt eine zentrale Rolle – allerdings in deutlich größerem Umfang im laufenden Betrieb. Den eigentlichen Badebetrieb hat der Verein zwar an eine Agentur vergeben, die Rettungsschwimmer stellt und sich um die Wasserqualität kümmert. Auch der Kiosk ist verpachtet. Fast alle anderen Aufgaben erledigen die Vereinsmitglieder jedoch selbst.
Einer unserer Beisitzer, der sich viel um die Technik kümmert, hat für sich rund 300 ehrenamtliche Arbeitsstunden errechnet.
Jaqueline Hüsch - 2. Vorsitzende SV Dickendorf 1931
Vor allem im Frühjahr wird das sichtbar. Dann treffen sich die Mitglieder regelmäßig samstags, um das Freibad gemeinsam für die Saison herzurichten. „Einer unserer Beisitzer, der sich viel um die Technik kümmert, hat für sich rund 300 ehrenamtliche Arbeitsstunden errechnet“, berichtet Hüsch. Entgegen dem allgemeinen Trend ist die Zahl der Helfer in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Ein möglicher Grund: Vereinsmitglieder erhalten freien Eintritt ins Freibad. Im Gegenzug verpflichtet die Anmeldung sie zu mindestens fünf Arbeitsstunden pro Jahr. „Das ist nötig, weil der achtköpfige Vorstand die viele Arbeit allein gar nicht schaffen könnte“, erklärt Hüsch.
In Mombach fiel der Start nicht leicht. Zum Glück war Torsten Traxel vor seinem Schwimmbad-Job 15 Jahre selbständig im Personalmanagement. Die pfiffigen Ideen von Traxel und seinen Mitstreiter*innen der ersten Stunde waren Gold wert. „Wir haben um die 40.000 Quadratmeter Rasenfläche“, erzählt der Diplom-Sportlehrer. „Diese Fläche ehrenamtlich mähen zu lassen, hätte wohl nur im ersten oder zweiten Jahr funktioniert.“ Daher wurde fix hauptamtliches Personal für Technik, Beckenaufsicht und Co. akquiriert.
Tosten Traxel - 1. Vorsitzender Mainzer Schwimmverein 1901
Die gGmbH zählt inzwischen gut 70 hauptamtliche Mitarbeiter*innen. 22 davon sind Vollzeitmitarbeiter*innen, der Rest Teilzeit- oder Aushilfskräfte. „Das ist auch dadurch verursacht, dass wir inzwischen eine der größten Schwimmschulen in Deutschland sind, locker unter den Top Ten. Wir haben pro Quartal 1.000 Kursteilnehmer. Das ist glaube ich relativ selten in Deutschland.“ Alleine im Bereich Schwimmkurse/Aqua-Fitness-Kurse stehen 15 bis 20 Mitarbeiter*innen in Lohn und Brot.
Großstadtbad trifft Dorfidylle
Das Grundstück, 20 Fahrradminuten nordwestlich des Mainzer Doms und nur einen Steinwurf von der Sportanlage des bekannten Breitensportvereins TSV Schott Mainz entfernt, misst 60.000 Quadratmeter. Die Rasenflächen des Freibads nehmen davon 40.000 Quadratmeter ein. Darauf stehen 140, 150 imposante Platanen. Rasenmähen. Baumpflege. Laubentsorgung. „Wir machen alles selbst“, sagt Traxel.
Im Freibad finden sich drei Becken. Neben dem Olympic Pool und dem Mehrzweckbecken mit den Rutschen (mit jeweils zwischen 1,2 und 1,9 Millionen Liter Wasser) noch ein Kleinkinderplanschbecken. Das Wasser wird permanent gechlort, rund um die Uhr gepflegt und elektronisch kontrolliert. An Wüstentagen pilgern 7.000, auch mal 8.000 Besucher*innen an die Obere Kreuzstraße.
Mein Opa war hier schon Bademeister und meine Oma hat den Kiosk betrieben.
Jaqueline Hüsch - 2. Vorsitzende SV Dickendorf 1931
Im Vergleich dazu wirkt Dickendorf fast familiär. Auch wenn an besonders warmen Wochenendtagen bis zu 800 Besucher ins Freibad kommen, bleibt die Atmosphäre überschaubar und persönlich. Viele Gäste kennen sich seit Jahren, manche seit Generationen. „Mein Opa war hier schon Bademeister und meine Oma hat den Kiosk betrieben“, beschreibt Jaqueline Hüsch ihre persönliche Verbindung zum Bad. Sie selbst hat hier schon als Kind unzählige Sommertage verbracht. Geschichten wie diese lassen sich in Dickendorf vermutlich viele erzählen.
Auch beim Kursangebot liegen Welten zwischen beiden Standorten. Gemeinsam mit der DLRG Betzdorf-Kirchen werden in Dickendorf Anfängerschwimmkurse für rund 30 Kinder angeboten. Der Bedarf wäre deutlich größer, doch es fehlt an Personal, um weitere Kurse anzubieten. Das bereitet den Verantwortlichen Sorgen. „Es ist erschreckend, wie sich die Schwimmfähigkeit bei Kindern entwickelt hat“, sagt Hüsch.
Der tägliche Kampf um die Finanzierung
Wie schafft es der SV Dickendorf, dieses Kleinod im Westerwald kostendeckend zu betreiben? Zum einen ist da die viele ehrenamtliche Arbeit zu nennen, durch die viele Kosten eingespart werden. Trotzdem muss Geld eingenommen werden. Das passiert zum Teil über die Eintrittsgelder und Mitgliedsbeiträge, aber auch die Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain unterstützt den Verein mit einem Zuschuss. „Ohne den kann der Betrieb nicht funktionieren“, gibt Hüsch offen zu.
Große Sprünge sind aber auch so nicht möglich. Diese werden in den nächsten Jahren allerdings nötig sein. Die Folie im Becken müsste dringend getauscht werden und einige Betonplatten im Beckenfundament beginnen zu bröckeln. „Wenn wir es anpacken, dann wollen wir es jetzt einmal richtig anpacken“, beschreibt Hüsch die ehrgeizigen Ziele des Vereins. Das große Becken rundum zu erneuern, würde nach ersten Schätzungen rund 1,2 Millionen Euro kosten. Hier hoffen die Dickendorfer auf Gelder aus der Politik, ohne die dieses Projekt für den Verein nicht zu finanzieren wäre.
Impressionen aus dem Mombacher Schwimmbad
Es läuft gut, wir sind ganz zufrieden, können Rücklagen bilden.
Tosten Traxel - 1. Vorsitzender Mainzer Schwimmverein 1901
Keine Frage: Der Betrieb eines solchen Bades ist harte Arbeit. Aber es rechnet sich – auch in Mainz. Die Traglufthalle im 1974 errichteten Freibad ist zu 99 Prozent ausgebucht. Die Auslastung des Hallenbades mit dem großen Sportbecken mit seinen eine Million Liter Wasser und fünf 25-Meter-Bahnen plus dem 12,5 Meter langen Lehrschwimmbecken liegt – verglichen mit der ursprünglichen Planung – bei 200 Prozent. „Es läuft gut, wir sind ganz zufrieden, können Rücklagen bilden“, freut sich Traxel. „Der Hauptpunkt ist, wir bewirtschaften ein Schwimmbad – es steht nicht einfach nur da. Bei vielen Kommunen ist das so, da wird vielleicht mal ein Schwimmkurs im Jahr gegeben mit zehn Teilnehmern – bei uns sind es eben 1.000 im Quartal. Das ist eine ganze Maschinerie, die da dahintersteht.“ Wie genau das finanziell funktioniert? „Über Geld reden wir nicht“, schmunzelt der 61-Jährige.
MSV-Vorstand Torsten Traxel zeigt SPORT RLP-Redakteur Michael Heinze "sein" Schwimmbad.
Schwimmen auch für die nächsten Generationen
Dafür hat Torsten Traxel noch einen Tipp an andere Vereine, die vielleicht auch mit dem Gedanken spielen, irgendwann mal ein Schwimmbad zu betreiben. „Erstens sollte man sich das gut überlegen, ob man das wirklich will. Es ist sehr, sehr viel Arbeit.“ Allerdings: „Es ist ja damals aus der Notwendigkeit heraus entstanden. Sonst hätten wir den Verein aufgelöst 2006 – denn wenn es kein Schwimmbad mehr gibt, brauchen wir keinen Schwimmverein.“
Dass ein Schwimmbad unverzichtbar ist, sieht man im Westerwald ganz genauso. „Wir wollen so das Bad auch für die Generationen nach uns erhalten, um so den Kindern hier auf dem Land zu ermöglichen, schwimmen zu gehen“, beschreibt Hüsch, was den Vorstand bei ihrem Engagement antreibt. Und dass bei einem Schwimmbad im Wald auch auf Nachhaltigkeit geachtet wird, dürfte niemanden wundern. Auf dem Dach des Gebäudes ist eine Photovoltaik-Anlage installiert, das Wasser wird über Solarschläuche auf einem benachbarten Feld erwärmt und auch der zugekaufte Strom ist Ökostrom.
So unterschiedlich die beiden Bäder auch sind – das professionell geführte Großbad in Mainz und das ehrenamtlich geprägte Freibad im Westerwald zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig Vereinsengagement aussehen kann. Gemeinsam haben beide Vereine jedoch ein Ziel: Sie wollen ihre Schwimmbäder dauerhaft erhalten und dafür sorgen, dass auch kommende Generationen schwimmen lernen, Sport treiben und unbeschwerte Sommertage am Wasser verbringen können.









