Gemeinsam durchatmen

Zu Besuch bei der Lungensportgruppe des Mombacher Turnvereins

Menschen mit einer Lungenerkrankung, die Sport machen – früher passte das irgendwie nicht so recht zusammen. Doch seit Anfang der 2000er Jahre gibt es auch in rheinland-pfälzischen Sportvereinen immer mehr Angebote, die sich ganz gezielt an Atemwegspatientinnen und -patienten richten. Wie ein ganz normales Training in der Lungensportgruppe beim traditionsreichen Mombacher Turnverein von 1861 abläuft – und welchen Benefit es für die Teilnehmenden bietet.

Jetzt als Video ansehen

Es gibt viele Menschen, die Lungensport benötigen.

Gina Schick

Initiatorin des Kurses war Gina Schick selbst – nachdem sie 2024 die Ausbildung „Innere Medizin“ beim Behinderten- und Rehabilitationssportverband Rheinland-Pfalz absolviert hatte – ein Meilenstein war dabei der Lungensport. „Herzsport, Krebsnachsorge und Orthopädie haben wir im Verein schon“, sagt die 55-Jährige. „Aber es gibt viele Menschen, die Lungensport benötigen.“ 

Ein heißer Dienstagnachmittag Anfang August im alten Ortskern des Mainzer Arbeiterstadtteils Mombach. Im Foyer des MTV-Sportzentrums in der Turnerstraße sitzen neun Frauen zwischen 55 und 92 Jahren auf hölzernen Hockern im Kreis. Draußen 33 Grad im Schatten. Drinnen ein paar Grad kühler. Zwei Ventilatoren sei Dank. Beide Eingangstüren sperrangelweit offen. „Ihr dürft gerne eure Schuhe und Socken ausziehen, es ist viel zu warm“, eröffnet Kursleiterin Gina Schick, B-Lizenz-Inhaberin „Prävention und Gesundheit“, die Übungsstunde. Im Hintergrund läuft sanft und leise Musik. Nach kurzer Instruktion zweier neuer Gesichter im Kurs geht es dann auch schon in die Vollen.

Die AG Lungensport in Deutschland unterstützt Betroffene bei der Suche nach einer zertifizierten Lungensportgruppe.
​
Bundesweiten Gruppenverzeichnis:

Jetzt ansehen

Der Startschuss erfolgt dabei beim Haus- oder Lungenfacharzt. Der stellt eine Verordnung aus, die für ihn budgetfrei ist und bei der gesetzlichen Krankenkasse eingereicht und genehmigt werden muss. Bei Privatpatienten erfolgt die Abrechnung direkt, das Rezept ist hierfür ausreichend. Die AG Lungensport in Deutschland bietet unter https://www.lungensport.org/lungensport-register.html ein bundesweites Verzeichnis an, um eine zertifizierte Lungensportgruppe in der Nähe zu finden.

Um die Verordnung zu erhalten, müsse man sich ein Attest vom Lungenfacharzt ausstellen lassen, bekräftigt Gina Schick, eine von vier speziell ausgebildeten Reha-Sport-Übungsleiter*innen beim MTV. Die Diagnose müsse entweder auf COPD, Asthma, Lungenkarzinom, Lungenfibrose oder Lungenemphysem lauten. „Ob die COPD ersten oder zweiten Gardes ist, ist völlig egal“, sagt die Kursleiterin, die selbst mal allergisches Bronchialasthma hatte und jahrelang Asthmaspray benutzte, aber inzwischen angesichts von „über hundert Prozent Lungenvolumen“ wieder topfit ist. „Wichtig ist nur eine Verordnung – ich muss es abrechnen können mit der Kasse.“ Selbstzahler oder Privatversicherte, die die Gebühr in Vorkasse leisten, zahlen es 16 Euro pro Stunde.

Seit Frühjahr 2025 offeriert der MTV das spezifische Rehasport-Angebot für Lungenkranke. Lungensport ist eine speziell entwickelte Bewegungstherapie für Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen – und zielt darauf ab, die Atemmuskulatur zu stärken, die Ausdauer zu verbessern und den Betroffenen die Angst vor der Atemnot zu nehmen. Eine klassische Lungensportstunde dauert 50 bis 60 Minuten. Das Konzept kombiniert gezielte Atemtechniken mit moderatem Ausdauer- und Krafttraining. Zu Beginn legt Schick den Fokus auf die bewusste Wahrnehmung der Atmung. Mit Übungen wie der „Lippenbremse“ – Ausatmen gegen einen leichten Widerstand – oder der „Kutschierhaltung“ lernen die Teilnehmer*innen, sich bei akuter Atemnot selbst zu helfen. Dazu kommen spezielle Kräftigungsübungen, die die die fürs Atmen wichtige Rumpf- und Brustmuskulatur stärken.

Zu Beginn waren es drei bis vier Teilnehmende beim MTV-Lungensport. Inzwischen gibt es sogar zwei Kurse. Wir sind bei Kurs eins dabei, der mit Atemgymnastik und Atemübungen startet – um die Atemhilfsmuskulatur zu schulen. Auch die Lippenbremse kommt gleich mal dran. Dabei wird durch die Nase eingeatmet, um sogleich mit leicht geschlossenen Lippen durch den Mund wieder auszuatmen. O nein: Fast hätte Gina Schick die obligatorische Sauerstoffmessung vergessen, bei der die Protagonist*innen ein kleines Gerät an den Zeigefinger geschnallt bekommen. „Keiner von meinen treuen Herzchen sagt hier mal einen Ton“, lächelt die Kursleiterin milde, während sie die Pulsoximeter verteilt. Die Messung macht sie, „damit ich Bescheid weiß, wie die Kursteilnehmer gerade so drauf sind“. Alle haben einen Wert von 96, 97 oder 98. „Unter 90 machen wir uns dann langsam Gedanken“, verrät Gina Schick. 

„Alles, was 90 plus ist, ist fein.“

Bei der ersten Übung muss jede Dame fünf Atemzüge in ihre Hände lenken. Dabei die Lippenbremse nicht vergessen. Wer fertig ist, darf seine Hände in den Schoß legen. Dann kommen die nächsten Übungen. Fünfmal Einatmen. Fünfmal Ausatmen. Teilweise bis tief ins Zwerchfell. Tipps zur Atmung beim Treppensteigen gibt es obendrein. Auch strecken und ganz lang machen dürfen sich die Kursteilnehmer*innen. Auch hier gilt: durch die Nase einatmen, durch den Mund wieder ausatmen. Das ist zwar selbst für Lungensportler nur semi-anstrengend, soll aber nicht zu bleiben.

Plötzlich müssen sich die Damen von ihren hölzernen Hockern erheben. Jede bekommt einen 500 Gramm schweren, grünen Toning-Ball in die Hand. Diese Bälle sind mit Sand gefüllt und drücken sich schön weich. Nun gilt es, die Ellenbogen zu spreizen und mit entspannten Händen locker einzuatmen. „Beim Ausatmen versucht ihr euren Bauchnadel nach hinten zu ziehen und den Beckenboden anzuspannen“, ruft die gebürtige Mainzerin ihren Eleven zu. „Haltet den Ball so lange gedrückt, bis die Ausatmung vorüber ist. Versucht die Schultern tief zu lassen, klemmt nicht die Ohren ein.“ Auch die Schnüffelatmung („Fünfmal durch die Nase einschnüffeln“) klappt bei allen prima.

Als Highlight der Übungsstunde erweist sich ein kleines Spiel, vor dem Gina Schick Kärtchen mit verschiedenen Übungen verteilt. Nach dem Motto „Ich packe meinen Koffer“ packen die Damen in Gedanken sogleich ihr Sporttasche – mit gymnastischen Übungen, die auf den Kärtchen notiert sind und bei denen – selbstverständlich – das korrekte Ein- und Ausatmen im Fokus steht. Erst fünf Kniebeugen. Dann bleiben die Ellenbogen am Körper kleben und die Hände fangen an, wie wild an imaginäres Holz, Bohnen, Schnittlauch, Karotten oder Zwiebeln zu hacken. Dritte Übung: Auf einem Bein stehen und das andere schwungvoll abwechselnd nach hinten und vorne pendeln lassen. Hui, wie das die Beine mobilisiert… Nicht zuletzt schlüpfen die Kursteilnehmer*innen wahlweise in die Rolle eines Storchs oder Flamingo – der sogenannte Einbeinstand schult das Gleichgewicht.

Vier Sekunden auf einem Bein stehen ist manchmal gar nicht so einfach. Erst recht nicht für die 92-jährige Erika Bieroth. Als die beim Beinpendel sichtlich zu kämpfen hat, sagt Gina Schick einen sehr respektvollen Satz: „Ja, Erika, dass darf dir mit 92 auch ein bisschen schwerfallen. Mach dein Bein nicht ganz so hoch – nur ein bisschen.“ Mit ihrer rechten Hand greift die 55-Jährige die Hand der Seniorin, gibt ihr Sicherheit und Stabilität. Und ganz zum Schluss dürfen die Lungensportler*innen noch ihre Arme bis zur Decke recken, um Äpfelchen, Zwetschgen oder Mirabellen zu pflücken, die ebenfalls nur in ihrer Vorstellung existieren. „Wenn wir hochgehen und uns lang machen, atmen wir aus“, ruft Gina Schick. Da jeder von neuem alles in seine Sporttasche „einpacken“ muss, gilt es während der gesamten Übung hellwach zu sein, um die Gegenstände in exakt der richtigen Reihenfolge wiederholen zu können. Was so nebenbei auch die grauen Zellen vor dem Einrosten schützt.

Zum Abschluss der kurzweiligen Einheit ist nochmal Durch-die-Nase-Einatmen angesagt. Gina Schick sagt die Selbstlaute A, E, I, O und U vor. Ihre Frauen sprechen beim Ausatmen den jeweiligen Buchstaben nach. Zum Schluss das Ganze nochmal mit SCH. Um die Stimmbänder zu beruhigen. Dann erschallt Applaus für die Übungsleiterin – die ihrerseits ihre Gruppe nicht missen möchte. „Es gibt den Menschen auch super viel, einen Termin zu haben“, weiß sie. „Die sind super kommunikativ, tauschen sich aus nach dem Motto: Was nimmst Du für einen Asthmaspray?“ Die psychosoziale Komponente ist für ihr Empfinden im Lungensport (wie generell im Reha-Sport) stark ausgeprägt, fast so stark wie im Herzsport, denn: 

„Die Menschen hier sitzen alle in einem Boot und wissen, von was sie reden.“

Erika Bieroth ist die mit Abstand Älteste unter den Mombacher Lungensportlerinnen. „Auch ich komme gerne hierher, Gina ist eine gute Lehrerin“, erklärt die gut 90-Jährige mit der zierlichen Figur und den weißen Haaren. „Es macht Spaß und ich mache jeden Tag eine Viertelstunde bis 20 Minuten lang meine Morgengymnastik mit Atemübungen. Es nützt.“ Die Seniorin weiß: „Wenn Sie etwas nur einmal machen in der Woche wird es nicht viel bringen – aber so…“ Und was ist das Tolle an Gina Schick? „Sie macht sich Mühe und erfindet auch immer wieder neue Übungen – naja, vielleicht hat sie es auch gelernt.“ Ihr Wohlbefinden sei „zurzeit gut“, freut sich Erika Bieroth. „Nur meine Augen sind schlecht – aber da kann mir niemand mehr helfen.“

Inge Pohlmann aus Mainz-Gonsenheim rät allen Lungenkranken, ihren Pneumologen aktiv danach zu fragen, „ob man so eine Verordnung für Lungen-Rehasport erhält. Die kriegt man, wenn die Diagnose fest steht. Alles, was chronisch ist, da machen die das.“ Ihrer Erfahrung nach weisen nicht alle Pneumologen ihrer Patient*innen proaktiv auf Reha-Angebote im Sportverein hin. Im hektischen Praxisalltag gerate dies mitunter in Vergessenheit, so die 67-Jährige.

Christiane Tobe mischt seit März beim Lungensport mit. „Das Tolle ist, das Miteinander“, sagt die 60 Jahre alte Niersteinerin. „Egal wie alt man ist – es funktioniert halt einfach. Man hat Spaß, man tut was für die Gesundheit. Dieses Atmen macht schon was mit dem Körper – man probiert es ja dann auch mal zu Hause.“ Marion Thome aus der Mainzer Neustadt findet „die Gruppe ganz toll – ich komme sehr gerne hierher, bin aber noch nicht so lange dabei, vielleicht fünf- oder sechsmal bislang. Ich hatte echt Glück, hier einen Platz zu kriegen, denn das ist echt schwierig“. Die 65-Jährige verrät: „Ich fühle mich immer dann wohl, wenn wir ein bisschen was Anstrengendes machen. Das finde ich total cool, denn ich möchte ein bisschen mehr Kraft, Ausdauer und so was kriegen“.

Fakt ist:

Viele Patienten mit chronischen Lungenkrankheiten geraten in einen Teufelskreis: Aufgrund von Atemnot wird körperliche Anstrengung vermieden. Dies führt zum Muskelabbau, der wiederum bei Belastung zu noch mehr Atemnot führt. Der Lungensport, wie ihn der MTV anbietet, durchbricht diese unheilvolle Spirale. Zudem steht der soziale Aspekt im Vordergrund. Dank des lockeren Plauschs mit Leidensgenoss*innen in der Gruppe geht die Isolation flugs flöten. Die eigene Erkrankung wird besser in den Alltag integriert, betont Gina Schick, die ein sehr enges, beinahe inniges Verhältnis zu ihrer Gruppe pflegt. Sie hat die Angewohnheit, immer auf die einzelnen Bedürfnisse einzugehen – und lässt einen Raum entstehen, bei dem sich wirklich jeder Lungensporttreibende unterstützt und gut aufgehoben fühlt. 

Lungensport-Angebot finden

In unserer Liste findest du alle Vereine in Rheinland-Pfalz, die Lungensport anbieten. 

​Zur Liste