„AUCH IN RHEINLANDPFALZ IST ES IN DEN LETZTEN 30 JAHREN WÄRMER GEWORDEN“
ZDF-Urgestein, Wetterexperte und Ruder-Olympiasieger Dr. Gunther Tiersch über den Klimawandel und seine Auswirkungen auf den Wintersport im Bundesland
Herr Dr. Tiersch, stimmt es, dass vor 20 oder 30 Jahren die Bedingungen für den Wintersport in Rheinland-Pfalz deutlich besser waren als heutzutage – oder ist das nur eine Legende?
Wir spüren es doch alle. Es ist in den letzten 30 Jahren auch in RheinlandPfalz wärmer geworden. Im Sommer haben wir immer wieder anhaltende Hitzeperioden erlebt und in den Wintern war es nicht mehr so kalt – so haben wir bei der Heizenergie gespart. Auch die Fakten stützen dieses Gefühl: Schaut man sich die Temperaturveränderungen seit etwa 1995 an, so stellt man fest, dass die Durchschnittstemperatur in Rheinland-Pfalz in diesen 30 Jahren um 1,5 Grad gestiegen ist. Statt 9,3 Grad erreicht sie jetzt 10,8 Grad. Damit haben sich auch die heißen Tage mit mehr als 25 und mit mehr als 30 Grad fast verdoppelt.
Wie haben sich die Schneeverhältnisse in den Mittelgebirgen verändert – etwa im Westerwald oder im größten Skigebiet des Landes auf dem Erbeskopf im Hunsrück?
Im Jahr 1995 gab es durchschnittlich noch 30 Tage mit einer Schneedecke, jetzt sind es nur noch zwölf Tage. Auch die Schneehöhen zum Beispiel auf dem Erbeskopf haben sich geringfügig erniedrigt. Und am Rhein, wie in Mainz, schneit es mal einen Tag und am nächsten taut der Schnee schnell wieder weg. Da muss man als Kind schnell genug sein und den Schlitten rausholen. Ähnlich verhält es sich mit den Frosttagen: flächendeckend über Rheinland-Pfalz und dem Saarland haben sie von 76 Tagen auf etwa 60 Tage abgenommen. Für die Wetterstation Deuselbach erkennt man den Rückgang der Frost- und Eistage besonders seit 2014.
Ein ganz wichtiges Thema ist auch die Nachhaltigkeit im Skisport. Geht das überhaupt – und wenn ja wie?
Nachhaltigkeit im Skisport bedeutet, dass die Natur in den Skigebieten geschont wird, dass Beschneiungsanlagen gar nicht oder eher zurückhaltend eingesetzt werden – und dass das Wasser aus Regenauffangbecken stammt. Das hat aber mit den Realitäten nichts zu tun. Bei immer weniger Naturschnee wird immer mehr beschneit und das ist sicher nicht nachhaltig. Die Anfahrt der Skiläufer zu den Skigebieten wird noch zu häufig mit dem eigenen Pkw unternommen. Das ist der größte CO2-Fußabdruck bei diesem Wintersport. Ich sehe bisher bei uns Wintersportlern kaum nachhaltiges Verhalten.
Und Ihre Prognose für die Zukunft: Inwiefern werden sich die Verhältnisse mittel- und langfristig noch weiter verschärfen?
Aufgrund der Klimamodelle können wir einen weiteren Temperaturanstieg für Deutschland erwarten, der sogar stärker ausfällt als weltweit. Das führt zu noch weniger Frost in den Wintermonaten und so wird es mehr regnen als schneien. Damit reduzieren sich die Tage für ein Schneevergnügen als Rodler oder Skifahrer in unseren Mittelgebirgen weiter. Ein Ausweg kann heißen: mehr und öfter beschneien, wenn es denn mal frostig ist. Als Alternative bieten sich noch die Alpen an, aber auch dort wird Skifahren unterhalb von 1.500 Meter zukünftig nur noch in einzelnen Jahren möglich sein. Oder man verzichtet ganz auf das Skifahren und steigt aufs Rad um, wie es für Olympische Winterspiele derzeit diskutiert wird
Fotos: Gunther Tiersch
Der gebürtige Ratzeburger Dr. Gunther Tiersch war 1968 – als Vierzehnjähriger! – Steuermann des siegreichen DeutschlandAchters bei den Olympischen Spielen in Mexiko. Tiersch ist damit einer der jüngsten deutschen Goldmedaillengewinner bei Olympia.
Nach seinem Studium der Meteorologie in Berlin und einer Promotion in Agrarmeteorologie im Jahr 1988 fand Dr. Tiersch seine Leidenschaft für die Wettervorhersage. Im Jahr 1986 trat er dem ZDF bei, wo er rasch zum Hauptmoderator für die Wetterberichte aufstieg und die Redaktion leitete.
Bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2021 prägte der Essenheimer maßgeblich die Wetterberichterstattung des Fernsehsenders.