
„Das zeigt,wie viel mir das bedeutet“
RLP-Langläufer Jan Stölben im großen Olympia-Interview

Nach über 20 Jahren nahm bei den Spielen in Mailand und Cortina mit dem Manderscheider Skilangläufer Jan Stölben endlich wieder ein Athlet aus einem rheinland-pfälzischen Verein an Olympischen Winterspielen teil. SPORT Rheinland-Pfalz hat kurz nach den Spielen mit Jan gesprochen. Dabei verrät der 24-Jährige unter anderem, wie zufrieden er mit seiner Olympia-Premiere ist und welcher Moment für ihn besonders wichtig war, was er Nachwuchssportler*innen aus Rheinland-Pfalz rät und wie er zu Olympischen Spielen in Deutschland steht. Hier gibt es das komplette Interview.

Jan, erstmal herzlichen Glückwunsch zu deinen ersten Olympischen Spielen. Wie war es für dich?
Vielen lieben Dank, es war definitiv eine einmalige Erfahrung. Ich glaube, dass es für viele Sportler*innen ein sehr großer Traum ist, vor allem das erste Mal, zu Olympischen Spielen fahren zu dürfen. Ich bin froh, dass ich mir den erfüllen konnte.
Wie stark war das Gefühlschaos, bevor es endlich los ging?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir ganz guttut, mich auf mich zu konzentrieren und ein bisschen vom Rest, vom Trainer, von der Trainingsgruppe, abzuschotten. Deshalb bin ich nach dem letzten Weltcup allein in Goms (Schweiz) geblieben, beziehungsweise meine Mama ist noch dazu gekommen. Da konnte ich in Ruhe rund zwei Wochen trainieren, bevor ich rüber gefahren bin. Dann merkt man zwar irgendwann schon, dass die Anspannung kommt, aber ich finde, ich habe es ganz gut gemanagt und das ging dann ganz gut auf.
Lass uns auf den sportlichen Teil gucken. Platz 22 im Sprint, Platz 8 in der Staffel, Platz 9 im Teamsprint. Wie ist so dein persönliches Fazit?
Also zunächst Mal muss ich sagen, ich bin super happy damit, dass ich es geschafft habe, fit bei den Olympischen Spielen zu stehen. Vom reinen Leistungsvermögen und der Form, die ich vor Ort hatte, war das sicherlich mit das Beste, was ich je angeboten habe. Umso trauriger ist dann eigentlich, dass es in ein, zwei Rennen vielleicht an Sachen gescheitert ist, die nicht immer selbst in der eigenen Kontrolle liegen. Denn gerade in der Staffel war doch deutlich mehr drin. Da hatten wir leider ein bisschen Probleme mit den Klassik-Ski. Die ersten zwei laufen ja Klassik und wir haben hinten raus dann den Skating Part. Wenn man sich die Einzellaufzeiten anguckt, hatten sie Probleme am Anfang mitzuhalten, hatten jeweils nur die neuntbeste Laufzeit in ihrer Runde. Mein Kollege und ich dagegen die viertbeste, bzw. die drittbeste Laufzeit. Wie weit es gereicht hätte, weiß keiner. Aber die Form war da und dann ist ein achter Platz natürlich immer noch nicht schlecht, aber man weiß, dass deutlich mehr drin gewesen ist. Und da ist man Sportler genug und möchte es gerne herausfinden und wissen.
Deine Vorbereitung lief gut, du hast dich richtig gut gefühlt. Mit welchen Gedanken steht man dann an der Startlinie? Träumt man insgeheim sogar von der Medaille?
Ja, grade in einer Staffel, wo immer viel passieren kann. Und das hat man jetzt auch gesehen. Natürlich waren wir jetzt die, die es dann im negativen Sinn erwischt hat, aber es geht rauf und runter. Diesmal hatten wir halt ein bisschen Probleme. Die Schweden sind das beste Beispiel. Die haben letztes Jahr bei der WM noch eine Medaille gewonnen und sind jetzt sang- und klanglos Letzter geworden. Das hätte an einem anderen Tag auch ganz anders aussehen können. So gewisse Hoffnungen gibt es dann also schon immer. Im Sprint hätte alles passen müssen. Wollen tut man es natürlich immer, wenn man am Start steht. Aber da muss man auch ehrlich genug sein. Ich hätte fünf Stoßgebete machen müssen, wenn das aufgegangen wäre. Im Teamsprint haben wir einen sehr guten Job gemacht. Jakob Moch und ich sind das allererste Mal zusammen gelaufen. Er ist noch keine 20 Jahre alt, da waren noch nicht die allergrößten Erwartungen. Ich denke, dafür haben wir uns bei unserer Premiere auf dieser großen Bühne sehr gut verkauft. Aber Richtung Medaillen zu schielen, wäre leicht vermessen gewesen an dem Tag.
In der Staffel hattest du die drittbeste Laufzeit in deiner Runde. Macht dich das stolz, zu sehen, dass du mit der Weltspitze mithalten kannst?
Ja, definitiv. Ich bin in meinem Leben noch nicht sehr viele Staffeln gelaufen. Und die einzige Staffel, die ich jemals für Deutschland gelaufen bin, war vor fünf Jahren bei einer Jugend-WM. Da haben wir auf einem Medaillenrang übergeben, aber ich war definitiv noch nicht weit genug und der Vorsprung war nicht groß. Da bin ich gegen drei Mann gelaufen, die kurz hinter mir gestartet sind. Die waren am Vortag zwei Minuten schneller als ich. Das ist dann mehr oder weniger eine Herkulesaufgabe, die einfach nicht zu bewältigen war. Natürlich ist dann die Enttäuschung groß und es schwimmt dann immer so ein bisschen im Hinterkopf. Und gerade jetzt auf der Runde, mit den Distanzergebnissen, die ich vorher hatte, und gegen wen man alles läuft, glaube ich nicht, dass mir viele Leute diese Leistung zugetraut hätten. Und von daher bin ich super happy, wie ich da gelaufen bin. Selbst wenn das Endergebnis vielleicht nicht ganz die Leistung widerspiegelt, aber ich kann halt doch sehr zufrieden mit mir sein.
Du hast auf der Olympischen Strecke dein bis dato größtes Erfolgserlebnis gefeiert, als du Anfang des Jahres bei der Tour de Ski ins Sprintfinale eingezogen bist. Was war das für ein Gefühl für dich, jetzt wieder an dort am Start zu stehen?
Es war schon ein cooles Gefühl. Generell habe ich viel Glück gehabt, dass ich Olympia auch in den Alpen erleben darf, wo der Skisport zu Hause ist. Ich denke, das hat man auch an der Strecke und allem drumherum gemerkt. Ich musste nicht nach China fliegen, in ein Tal kurz vor der Wüste Gobi, wo drei Jahre zuvor noch keine Hütte gestanden hat. Von daher war das ja schon sehr cool da laufen zu können. Vor allen Dingen, weil ich wusste, dass mir die die Strecke, gerade die Sprintstecke, im Großen und Ganzen liegt. An so einem Tag muss halt alles passen. Dann war es trotzdem ein sehr cooles Rennen. Ich denke gerade im Prolog habe ich es ziemlich gut gemacht mit dem 11. Platz. Leider ist es dann nicht ganz aufgegangen. Aber insgesamt bin ich drei recht gute Rennen gelaufen. Das sollte ich mitnehmen.
Wie hast du generell die Organisation empfunden? Es gab ja durchaus ein paar „Nebengeräusche“ wie Diskussionen um Wachsmaschinen oder freilaufende Hunde. Wie war es für dich vor Ort?
Generell war es schon nochmal deutlich größer und aufwendiger, wie zum Beispiel eine WM oder auch jeder Weltcup. An ein paar Stellen war es eher schade, weil man sich als Veranstalter teilweise selbst im Weg stand. Bei der WM letztes Jahr in Trondheim waren die Tribünenplätze auch begrenzt, aber die Organisatoren haben gesagt, wer will, kann sich einfach oben in den Wald stellen. Jetzt war schon sehr viel abgesperrt und für Zuschauer gar nicht zugänglich. Ich glaube gerade im Skilanglauf ist das in diesem Ausmaß nicht immer nötig. Ein paar Sachen lassen sich natürlich nicht vermeiden, einfach durch die Größe dieses Events. Wir hatten leider ein bisschen Pech, dass wir in Tesero sicherlich nicht das schönste olympische Dorf hatten. Ich war ein, zwei Mal drin, aber auch nicht so unfroh, dass wir mit dem Team im Hotel gewohnt haben. Dadurch, dass alles so weit verstreut war, waren die Olympischen Spiele laut den anderen Athlet*innen, die einen Vergleichswert haben, nicht ganz so groß. Ich fand es trotzdem ein sehr cooles Ereignis und recht coole Spiele.
Du hast es gerade gesagt, es war alles sehr weit verbreitet. Konntest du Olympia trotzdem „erleben“?
Ja, zum gewissen Teil auf jeden Fall. Wie gesagt, mir fehlt sicherlich der Vergleich, aber es sind so viele Kleinigkeiten drumherum. Allein auf die Strecke zu gehen und diese riesigen olympischen Ringe im Schnee aufgebaut zu sehen und Tag für Tag im Training dran vorbeizulaufen. Zu wissen: „Ok, jetzt geht es bald richtig los.“ Da hast du sehr lange drauf hingearbeitet. Und es ist ja schon eine Ehre, das erleben und mitmachen zu dürfen. Oder auch zu sehen, wie viel das allen möglichen Leuten bedeutet. Bestes Beispiel beim Teamsprint der Damen, wo es dann zum Glück doch noch mit der Medaille geklappt hat. Was da für Emotionen im ganzen Team losgebrochen sind bei den Trainern, bei den Wachsern. Das ist, glaube ich, auf dem Level fast nur bei Olympia möglich.
Das heißt, auch wenn das Deutsche Haus ungefähr zwei Stunden von euch entfernt in Cortina war – auch Tesero kann Party?
Ja, abends wurden dann noch ein, zwei Korken knallen gelassen. Gerade die Mädels und die Techniker waren dann sehr gut dabei an dem Abend. Aber ich denke, das ist dann auch mal in dem Rahmen in Ordnung und verdient.
Hast du von anderen Sportarten ringsherum etwas mitbekommen?
Ja, übers Handy auf jeden Fall. Man versucht dann drumherum ein bisschen was zu verfolgen. Wenn du selbst in der Zeit sehr viele Trainings hast, sehr wichtige Wettkämpfe hast, dann kommst du aber nicht dazu, das so zu erleben, wie als Zuschauer. Dann kamen bei uns noch zwei Dinge dazu. Zum einen waren bei uns in Tesero nur die nordischen Sportarten, die ja auch bei einer WM dabei sind. Das heißt, wir haben da niemanden gesehen, der nicht auch letztes Jahr in Trondheim dabei war. Und dann haben wir Skilangläufer ja quasi Wettkämpfe vom ersten bis zum letzten Tag der Spiele. Und als Ausdauersportler sind die Reisemöglichkeiten dazwischen aufgrund des Trainings eben nochmal andere, als bei Sportarten, die nur einen Wettkampf haben. Ich nenne da auch immer gerne die amerikanische Eishockey-Nationalmannschaft als Beispiel. Die kann sich die erste Woche wahrscheinlich alles tief entspannt angucken. Die kommen wahrscheinlich auch mit nicht ganz optimaler Vorbereitung sehr gut durch die Gruppenphase Für die ist die letzte Woche wirklich wichtig und relevant. Dann haben solche Sportarten halt drumherum viel mehr Zeit wie wir. Aber das ist ok. Das weiß man von Anfang an, wenn man sich die Sportart aussucht. Man versucht noch ein bisschen was mitzunehmen, aber die Wettkämpfe haben da schon klar Vorrang.
Gibt es Momente, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ich finde es immer schwer, einzelne Momente auszumachen. Das Prägendste waren die Stunden nach dem letzten Wettkampf. Das hatte ich letztes Jahr schon mal in Trondheim ähnlich. Wenn du dich die ganze Zeit konzentrierst und fokussierst, egal ob es gut oder schlecht läuft, denkst dann immer: „Gut, Sprint ist abgehakt, aber jetzt kommt ja vielleicht noch Staffel oder jetzt kommt noch Teamsprint“ Und dieser Moment, wenn du dann realisierst: „Ok, das Ding ist vorbei, du hast es geschafft.“ Dann sind es viele Gedanken, die einem kommen. Ob man wirklich mit sich zufrieden ist. Für mich war es so, dass ich mit mir selbst eigentlich ziemlich zufrieden war, aber mit den Ergebnissen eben nicht. Das hat dann eine Zeit gebraucht, das Ganze sacken zu lassen. Im Nachhinein denke ich, waren das sehr gute und wichtige Momente, da mir das dann immer zeigt, wie viel mir das doch bedeutet und wert ist. Ich ziehe aus sowas dann immer eine brutale Motivation: „Was kann man noch verbessern? Was kann man noch ändern?“ Und es kommen ja noch weitere Großereignisse. Ich bin ja noch nicht ganz so alt und hab noch einiges vor.
Langlauf stand ja vor allem wegen einem Mann ganz besonders im Fokus – Johannes Hösflot Klaebo mit seinen sechs Goldmedaillen. Wie ist es, neben so einer Maschine zu laufen? Kann man sich da was abschauen?
Ja, definitiv, was mitnehmen schon. Ihn eins zu eins zu kopieren, wird nicht möglich sein. Man muss einfach von der Art und Weise, wie er es macht, den Hut ziehen, gerade wenn man sich mehr mit der Materie auskennt und damit beschäftigt. Es sind so viele Sachen, die da noch mit reinspielen. Der Ski muss passen. Die Bedingungen müssen passen. Wir haben so viele unterschiedliche Strecken. Und man sieht es bei fast allen anderen, wie sehr die Ergebnisse da schwanken. Aber bei ihm, wenn es wirklich drauf ankommt, ist völlig egal. Der Ski stimmt. Er kann bei jeden Bedingungen laufen. Er kriegt es immer irgendwie hin. Wenn man im Kopf versucht, sich zu überlegen, was es alles braucht, um erstklassiger Sportler zu sein, würde er, zumindest bei mir, im Langlauf in jeder Kategorie mindestens unter die Top 3 fallen. Es gibt kaum jemanden, der so viel Talent hat. Kaum jemanden, der so viel Technik hat. Aber das sind, Sachen, die sind dir gegeben. Das das ist einfach so. Was bei ihm aber noch dazukommt, ist, wie sehr er sich mit seinem Material beschäftigt. Wie sehr er sich mit seinem Training beschäftigt. Wie sehr er auch zu vielen Dingen drumherum nein sagt. Leuten, die ihm reinreden wollen, Trainer, die vielleicht nicht 100 Prozent mit seiner Meinung einverstanden sind. Ich weiß nicht, ob er es dieses Jahr wieder gemacht hat, aber letztes Jahr, war es ganz faszinierend. Das war ja für ihn fast noch das größere Ziel mit der Heim-WM in Trondheim. Da hat er sechs Monate lang seine Freundin nur aus 1,50 Meter Distanz gesehen. Er hat gesagt: „Gut, geht nicht. Eine Krankheit kann ich mir nicht erlauben." Für ein halbes Jahr lang hat er maximal fünf, sechs Leute gesehen. Und auch nur mit Abstand und Maske. Das ist eine wirklich beeindruckende Konsequenz, in der er das Ganze durchzieht. Allein bei solchen Dingen kann man sich zumindest teilweise eine Scheibe abschneiden.
Wie wichtig sind solche polarisierenden Zugpferde wie Klaebo, damit der Langlaufsport auch abseits von Olympia weiterhin im öffentlichen Fokus bleibt?
Aus meiner Sicht hat sich die Wahrnehmung von Klaebo in den letzten ein, zwei Jahren ein wenig gedreht. Gerade zu seiner Anfangszeit hat er sich, was die Kontroversen der Öffentlichkeit angeht oder auch generell, sehr zurückgehalten. Wenn man sich einen Petter Northug vor ein paar Jahren anguckt – man kann von ihm halten, was man will. Er war ein großartiger Sportler aber auch häufig genug mit Schlagzeilen in Medien, die nicht immer etwas mit seiner Leistung zu tun hatten. Aber manchmal braucht es auch solche Leute, um den und den Sport voran oder einfach auf die Leinwand zu bringen und ins Bewusstsein von den Leuten. Ich weiß selbst, dass Langlauf, je nachdem, was wir für ein Format laufen, nicht immer absolut fernsehtauglich ist. Es sind halt nicht immer die spannendsten Minuten. Aber ich denke gerade, was jetzt bei Olympia abgegangen ist, der Sprint von Klaebo am letzten Anstieg, der ist ja fast komplett viral gegangen und hat Geschichten drum herum hervorgebracht. Ich glaube, dass wir da jetzt auf einem guten Weg sind und vielleicht ein bisschen besser wieder vorankommen.
Die norwegische Biathlon-Legende Johannes Tignes Boe hat dem deutschen Team nach dessen schlechtem Abschneiden bei den Spielen kürzlich geraten, gemeinsame Trainingslager mit Norwegen oder Frankreich abzuhalten, um einen Wissenstransfer zu schaffen. Wäre das etwas, was auch im Langlauf sinnvoll sein könnte?
Auf jeden Fall. Ich finde ich es immer wieder faszinierend, dass eigentlich fast alle Norweger, was das Thema angeht, sehr offen sind. Bei den Schweizer, aber auch teilweise in Deutschland, wird das einfach anders gehandhabt. Da sind viele Athleten, die ihren eigenen Stiefel durchziehen. Wenn du genug Masse, wie in Norwegen hast, funktioniert das auch. Dadurch wird da oben mehr oder weniger auch jede Trainingsvariante und jede Trainingsidee irgendwo ausprobiert. Und dann haben sie quasi den Luxus, jeden Monat sagen zu können: „Ok, bei dir hat es funktioniert, dich nehmen wir mit, bei dir hat es vielleicht nicht ganz funktioniert, dann sortieren wir dich direkt aus.“ Das geht da oben teilweise echt ab absurdum. Also ich habe schon Athleten erlebt, die aufs Podest gelaufen sind und das nächste Wochenende nicht mehr mitlaufen durften im Weltcup. Ich glaub jeden Input, den man da kriegen kann und alles, was man da zusammen machen kann, sollte man machen. Bei mir wäre es nochmal ein Zusatzpunkt, dass man auch Sprints üben könnte. Ich denke, ich habe die letzten Jahre gezeigt, dass da sehr viel möglich ist. Aber eben meistens im Prolog, also im Kampf gegen die Uhr. Da war ich deutlich besser als dann im Wettbewerb Mann gegen Mann. Ich habe manchmal einfach das Problem, dass es im Sommer nicht genug Konkurrenz gibt, um diese Zweikampfsituation zu simulieren. Ab einem gewissen Leistungsunterschied sagst du einfach: „OK, die Gerade ist 300 Meter lang. Zur Not fahre ich rechts raus und fliege an einem vorbei.“ Das Problem gibt es in Norwegen nicht. Solche Dinge üben zu können, das ist schon sehr viel wert und sollte man auch möglichst viel mit einbinden, wenn es geht.
Du selbst wurdest früher wegen deiner Herkunft aus Rheinland-Pfalz immer mal wieder als „Exot“ bezeichnet. Ist das heute immer noch so? Und wie findest du das?
Ja, so ein bisschen schon. Meine Herkunftsstory kennen hier mittlerweile natürlich alle. Meinen leichten Dialekt bekomme ich auch nicht immer abgelegt, das ist dann natürlich bis heute auffällig. Ich merke es immer wieder speziell was den Übergang vom Schüler- zum Profibereich angeht. Dass ich da vielleicht auch auf manche Dinge einen anderen Blickwinkel habe. Bei mir haben sich zum Beispiel manche Fragen schon viel früher und extremer gestellt, wie bei manch anderen. Das sind auch manche Dinge, da muss man vielleicht mal einen Trainer drauf hinweisen und drüber reden. Aber im Prinzip ist ja ein anderer Blickwinkel häufig eher positiv, wenn man sich damit differenziert auseinandersetzt und alle versuchen miteinander zu reden. Von daher bin ich da auch ganz froh drum.
Macht es dich auch ein wenig „stolz“, es, als „Underdog“ aus Rheinland-Pfalz, in die Weltspitze geschafft zu haben?
Das macht mich auf jeden Fall sehr stolz. Vor allen Dingen zu meinen Anfangszeiten. Ich habe ja nicht nur in Rheinland-Pfalz angefangen, sondern auch verhältnismäßig sehr spät angefangen. Und gerade am Anfang habe ich nicht wirklich damit gerechnet, dass ich es bis hierhin schaffe. Ich habe Skilanglauf sehr lange einfach aus Spaß gemacht, einfach aus der Liebe, die ich zu dem Sport und der Natur habe, die mir zum Glück bis heute nicht abhandengekommen ist. Aber es war dann irgendwann so der Punkt, mein letztes Jahr in der Schule, wo ich realisiert habe: „Ok, wenn ich es dieses Jahr nicht wirklich in die Mannschaft schaffe…“ Alleine daheim in Rheinland-Pfalz trainieren, auf eigene Kosten. Das ist ein sowohl finanzieller als auch mentaler Aufwand mit einer sehr akuten Ungewissheit. Den betreibst du eigentlich nicht. Und wenn es nicht funktioniert hätte, wäre das völlig in Ordnung für mich gewesen. Aber ich könnte nicht damit leben, mich irgendwann hinzusetzen und sagen: „Hättest du es mal wenigstens versucht?“ Und das war dann der Punkt, wo es für mich kommen muss: „OK. Jetzt trainiere ich halt wie ein Irrer und gucke mal, wohin die Reise geht.“ Ich bin sehr froh und sehr stolz, dass meine Reise noch nicht zu Ende ist und bis jetzt zumindest auf einem guten Weg ist.
Dein ehemaliger Trainer und Entdecker Thomas Kloth meinte kürzlich über dich, dass dich schon zu deiner Anfangszeit deine physische Leistungsfähigkeit, dein Leistungswille und die außergewöhnliche Liebe zur Sportart ausgezeichnet hätten. Sind das die Attribute, die es braucht, um als Athlet*in aus Rheinland-Pfalz irgendwann bei Olympischen Winterspielen teilzunehmen?
Ja! Ich glaube, gerade wenn man aus Rheinland-Pfalz kommt, sind eigentlich fast alle drei Dinge unabdingbar. Wenn die Gegebenheiten ein bisschen besser sind, kannst du eine Sache so ganz leicht schleifen lassen. Aber dann kommst du auch bis zu einem gewissen Punkt, aber meistens nicht darüber hinaus. Du kannst das größte Talent der Welt haben. Da sieht man immer wieder Leute, die Junioren-Weltmeisterschaften gewinnen. Wenn du nicht den Kopf dafür hast, dich Tag und Tag da rauszubringen und auch immer noch weiter zu motivieren, gerade bei solchen Leuten, die zu Jugendzeiten alles gewonnen haben und dann im Weltcup ankommen, und sehen, da gibt es Leute, die sind besser, das ist dann mental manchmal schwer zu verkraften. Zu sehen, dass man doch noch mal ganz tief gehen muss, um vielleicht da rauszukommen und dann wird das auch schwierig. Und wo ich auch von überzeugt bin, da brauchen wir uns nichts vormachen: Es ist nicht so, als würde jede Minute, die man für Sport investiert, Spaß machen. Es ist ja auch bei jedem Job so, es gibt Momente, da muss man kurz drüber hinweg. Wenn es eine Woche lang durchschüttet und du musst das zehnte Mal raus für eine 3-Stunden Einheit, dann muss man sich mal durchkämpfen. Aber insgesamt soll das schon Spaß machen, was du machst. Und ich denke, für mich ist bis heute ein sehr, großes Privileg, dass ich es als meinen Beruf bezeichnen kann, morgens um 8 Uhr rauszufahren, irgendwo in einem kleinen Seitental in den Schnee zu gehen und da zwei Stunden vor mich hinzulaufen. Das sind eigentlich mit mit die die schönsten Tage. Aber so eine Bereitschaft und der Wille sich auch manchmal richtig quälen zu wollen, gehört halt auch dazu. Wenn du das nicht kannst oder und willst, wird es auf Dauer schwer. Das kann man mal ein oder zwei Jahre durchhalten. Aber wenn du eigentlich schon von außen siehst, dass der oder diejenige sich von zehn Einheiten in der Woche sechsmal wirklich selbst überreden und rausschleppen muss. Dann sag ich auch irgendwann lieber, du musst es nicht machen und ist auch völlig ok, wenn das nicht funktioniert. Dann muss man halt ehrlich genug zu sich selbst sein. Aber ich bin immer froh, wenn irgendjemand seinen Weg geht, seine Freude gefunden hat und auch dabei bleibt.
Was würdest du jungen Sportler*innen aus Rheinland-Pfalz raten, die dir nacheifern wollen? Siehst du dich vielleicht sogar selbst auch ein bisschen als Vorbild?
Zu einem gewissen Teil schon. Sich selbst als Vorbild sehen, ist immer aber schwierig. Ich weiß definitiv, dass ein, zwei Athlet*innen mich gerne so sehen und versuche dem auch irgendwo gerecht zu werden. Ich denke, du musst halt wirklich erst mal eine Liebe zu dem Sport haben und zu dem, was du tust. Und vor allen Dingen musst du auch diesen diesen unbeugsamen Willen haben muss, auch nach Niederlagen. Du kannst dich hinsetzen, kannst enttäuscht sein, das ist völlig ok. Aber das ist kein Grund daran zu zerbrechen, sondern du musst dann halt Wege finden, noch härter an dir zu arbeiten, noch mehr zu machen und immer weiter zu kämpfen. Auch wenn vielleicht alle um dich herum sagen, das geht nicht oder das klappt nicht. Auch ich habe den ein oder anderen Rückschlag in meiner Karriere erlebt und der wird in fast jeder sportlichen Karriere kommen. Ich denke, wie man mit diesen Niederlagen oder Rückschlägen umgeht, das ist eigentlich das, was einen dann wirklich am weitesten bringt.
Du kennst es besser als jeder andere, da du es selbst durchgemacht hast. Was muss aus deiner Sicht passieren, damit es zukünftig neue Jan Stölbens aus Rheinland-Pfalz gibt?
Das ist ein sehr breit gefächertes und tiefgehendes Thema. Ohne das Zutun von sehr viel Freiwilligenarbeit ist es definitiv nicht möglich. Gerade wenn die Strukturen noch nicht so vorhanden sind. Thomas Kloth ist das beste Beispiel. Er war mein erster Trainer und hat das rein ehrenamtlichen gemacht. Er hat 2 Stunden von uns entfernt gewohnt und trotzdem gesagt, er schreibt uns einen Trainingsplan, fährt mit uns im Winter, in seinen Ferien, weg. Meine Mama ist mit auf jeden Wettkampf im Winter gefahren, hat uns immer zum Training gefahren. Ohne das, wäre definitiv nicht möglich gewesen. Ich weiß, dass das sehr schwierig ist, auch für Eltern. Aber da geht es um viel mehr, als nur die eine Stunde aufzubringen, die vielleicht unangenehm ist und in der man vielleicht auch andere Pläne hat. Aber du kannst deinem Kind so viel mitgeben. Auch charakterlich, was sich aus so einer sportlichen Karriere, aus dem ganzen Gefüge und diesen Fahrten entwickelt, ist glaube ich viel, viel mehr wert als das, was da an Zeit verloren geht. Und ich glaube, dass das Invest, das definitiv wert ist. Was ich auch häufig sehe, ist, dass solche Karrieren oft aus kleinen Cliquen oder Gruppen heraus entstehen. Bei mir ist es aus einer sehr guten Freundschaft heraus gestartet. Da war die Tochter meines Patenonkels und eine andere Freundin. Wir sind gemeinsam in die Schule gegangen und irgendwann waren wir in einer Laufgruppe. Und später waren wir drei von vier Leuten im Kader von Rheinland-Pfalz. Wir haben alle nur 500 Meter voneinander entfernt gewohnt. Die haben nachher alle aufgehört, aber ich war super froh, dass die jetzt zum Beispiel nach Goms zum letzten Weltcup vor Olympia gekommen sind und man sich noch mal getroffen hat. Ich glaube aus dieser Zeit habe ich viel mitnehmen können. Und gerade am Anfang geht es ja doch viel mehr um den Spaß und nicht um die Ergebnisse. Zum einen waren meine Ergebnisse am Anfang nicht so gut und zum anderen wäre es vermessen, junge Athlet*innen mit 12 Jahren immer auf Platz 1 sehen zu wollen. Da muss es wirklich darum gehen, diesen Spaß an der Bewegung und Sport zu vermitteln. Und das fängt in jeder Vereinsarbeit und im Schulsport an. Dadurch, dass ich in den rheinland-pfälzischen Gruppen nicht mehr so viel involviert bin, habe nicht mehr so ganz den Überblick. Das ganze Thema Skilanglauf bei uns in Rheinland-Pfalz, aber auch in ganz Deutschland, ist natürlich schwierig, da der Schnee immer weniger wird. Und das, so ehrlich muss man sein, macht es schwer, den Spaß am Sport Skilanglauf zu vermitteln. Wenn du keinen Schnee hast und dann Reisen ausfallen, neben den Loipen die Wiese grün ist, man auf Kunstschnee läuft – das ist schwierig und wahrscheinlich nicht der Sport, der in 100 Jahren noch in der Form in Deutschland so aktiv betrieben wird.
Als Top-Athleten seid ihr vor allem während der Saison quasi ständig unterwegs. Was ja auch durchaus einiges an Geld kostet. Wie wichtig ist es da, dass es Sponsoren und Unterstützer wie die Sporthilfe Rheinland-Pfalz gibt?
Das ist unfassbar wichtig. Ich denke, der Großteil der Sportarten, wenn sie nicht gerade Fußball heißen, sind leider wirklich darauf angewiesen und kommen ohne gar nicht aus. Bei uns in Deutschland ist glücklicherweise noch so, dass wir paar Behördenplätze haben, die mehr oder weniger vom Bund an die besten erfolgreichsten Sportler*innen vergeben werden. Aber diese Plätze sind sehr begrenzt. Was ich da immer ein bisschen kritisiere und anmerke, ist, dass es bei uns ein sehr starkes On-Off-System ist. Entweder du kriegst alles oder gar nichts. Und sobald du gar nichts kriegst, wird es schwer. Auch aufgrund von Inflation, aber allein Hotelkosten, Flugkosten – die werden ja nicht günstiger. Man muss immer weiter fahren, um guten Schnee zu finden. Da bin ich schon unfassbar dankbar, dass es so was wie die Sporthilfe gibt, die einen in Rheinland-Pfalz wirklich unfassbar gut unterstützt. Ich bin über jeden Sponsor so unfassbar dankbar. Und gerade in Deutschland ist das dann doch nicht sehr einfach, weil die Sponsoringkultur vielleicht nicht so gegeben ist, wie vielleicht in Amerika. Aber ich bin eigentlich ganz froh, dass es bei mir zumindest einigermaßen gut funktioniert. Und vor allen Dingen durch meinen Sonderstatus als Skilangläufer aus Rheinland-Pfalz bin ich ja doch medial ein bisschen vertreten und dann ganz froh, dass mich auch sehr viele lokale Firmen dabei doch unterstützen.
Aktuell wird ja diskutiert, ob sich Deutschland um die Austragung von Olympischen Spielen bewerben soll. Wie stehst du dazu?
Ich weiß natürlich, dass das ein riesiger Aufwand ist, auch finanziell. Aber wenn man sieht, was das gesamtheitlich in so einem Land dann auslösen kann an Euphorie, selbst bei denen, denen die vorher vielleicht noch pessimistisch waren. Ich denke Italien war jetzt ein sehr gutes Beispiel. Die haben bei ihrer Heim-Olympiade sämtliche eigene Medaillenrekorde gebrochen. Mit diesen Bildern kannst du so viele junge Sportler*innen motivieren. Und auch mit der Aussicht darauf, bei den Spielen im eigenen Land anzutreten. Wenn ich sehe, was da alles getan, an welchen Stellschrauben geschraubt wurde. Die haben, ich glaube, fast keinen Stein auf den anderen gelassen. Die Italiener sind dieses Jahr locker fünfmal so oft auf Lehrgängen gewesen wie wir. Das war bei uns einfach finanziell nicht drin. Und bei denen wurde es halt mehr oder weniger vom Staat bezahlt. Dann trägt das auch irgendwo Früchte. wie gesagt, Da geht es ja um weit mehr, als ob der eine jetzt Bronze gewinnt oder eine fünfte Medaille gewinnt. Ich finde es ja nur teilweise. bisschen schade, auch wenn ich es mir dann in unserem Fall die deutschen Kommentatoren angucke, die das so so positiv darstellen und dann Kritik in in unserer Richtung äußern, ohne ohne die Hintergründe teilweise zu verstehen. Natürlich ist ist irgendwo jeder Sportler ein Teil selbst für sich verantwortlich, aber das System drumherum macht einfach so so viel aus und ist halt doch von vielen Faktoren drumherum abhängig. Und ja, man sieht verhältnismäßig, wie viel zum Beispiel, also ich kann jetzt nur im in unserem Verhältnis reden, wie viel die Förderung, was den Deutsche Skiverband angeht, im Verhältnis zurückgegangen ist. Also, dass wir jetzt schon seit, ich glaub, 2 Jahren in Folge müssen wir Sportler jedes Jahr 'ne Pauschale an den an den Verband zahlen, weil wir sonst nicht durchkommen würden, damit wir überhaupt an den an den Trainingsmaßnahmen, an den Tests teilnehmen können. und sich dann im Hintergrund darüber beschwert wird, wie wie viel besser damals alles war. Und wenn man sich dann im Gegenzug da anguckt, was für ein Aufwand betrieben wird, so vor allen Dingen in D. D. R. oder D. D. R. Zeiten, aber auch kurz danach, was für ein Aufwand betrieben wird, was für Kosten, noch Sportstätten zu bauen. Drumherum, das ist halt ein ganzes System, von dem wir sehr, sehr lange genährt haben, auch zurecht und froh und es leider so ein bisschen untergeht, dass wir eigentlich immer noch auf manche Sachen davon angewiesen sind und alles andere ja. Ich verstehe, dass nicht jeder immer das gesamtheitliche Bild sehen kann oder will. Aber ja, ich denke, das ist mit das Beste, was im deutschen Sport passieren könnte, Olympische Spiele nach Deutschland zu holen. Weil viele Sachen einfach automatisch zugunsten Sportes laufen würden, ohne dass dafür gekämpft werden müsste.
Deine Saison ist quasi zu Ende. Wie geht es danach für dich weiter?
Für mich kommt erstmal ein schöner Aufenthalt für sechs Wochen in der Kaserne in Warendorf. Da habe ich eine schöne Trainerausbildung. Wegen der Vorbereitung auf Olympia habe ich letztes Jahr gefragt, ob ich die ein Jahr lang auslassen kann. Dementsprechend glaube ich nicht, dass ich mich dieses Jahr noch mal davor drücken kann und werde hingehen. Aber auch die ist nur mit Sportlern zusammen und eigentlich relativ entspannt. Ich werde an den Wochenenden immer nach Hause fahren und dann versuchen für den Sommer wieder ein gutes Paket zu finden, wieder viel zu trainieren. Es steht noch nicht ganz fest mit dem Trainer, wie es nächstes Jahr weitergeht. Nach Olympia gibt es ja dann doch häufiger größere Umbrüche. Aber ich sage es mal so: Ich war selten motivierter als jetzt und bin fest entschlossenen, noch härter zu arbeiten und mich noch weiter zu verbessern. Wie das genau passiert, werden wir sehen. Aber es werden ein paar Kilometer abgespult.
Letzte Frage: Wie gefallen dir die französischen Alpen?
Sehr gut. Mein Französisch ist zwar katastrophal, aber ich wäre sehr froh, wenn ich da Wettkämpfe laufen darf.
Das Interview führte Dominik Seel

