„Er wollte es unbedingt“

Stölben-Entdecker Thomas Kloth im Interview

Jan Stölben ist seit über 20 Jahren der erste Athlet aus einem rheinland-pfälzischen Verein, der bei Olympischen Winterspielen teilgenommen hat. Thomas Kloth, Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Rheinland-Pfalz und einer der größten Förderer in Stölbens Karriere, spricht im Interview über seine Entdeckung.



Thomas, wie bist du damals auf Jan aufmerksam geworden?

Wir hatten bereits 2003/04 im Skiverband in Zusammenarbeit mit den Schulen ein Talentförderprogramm initiiert, in das Jan unter Berücksichtigung seiner Ergebnisse und Eindrücke bei Wettkämpfen und Lehrgängen integriert wurde. Er ist im Winter 2012/13 in der Nachwuchsmannschaft des Skiverbandes aufgenommen und anschließend in den Verbandskader.

Wie liefen die ersten Gespräche mit ihm? Musstest du ihn lange „überzeugen“ den Langlaufsport mal etwas professioneller auszuüben?

Mit den Kindern, die den Sprung in den Verbandskader geschafft haben, wurden vor der Saison im Beisein der Eltern Einzelgespräche zu Erwartungen und Anforderungen geführt. Uns war es wichtig, dass sowohl die Kinder als auch die Eltern wussten, was Leistungssport bedeutet und was dafür notwendig ist (tägliches Training). Anschließend gab es Bedenkzeit. Bei Jan war die Entscheidung allerdings immer schnell getroffen, da er es unbedingt wollte. Man musste ihn eher bremsen.

Was hat ihn aus deiner Sicht damals „besonders“ gemacht bzw. ausgezeichnet?

Seine physische Leistungsfähigkeit, sein Leistungswille und die außergewöhnliche Liebe zur Sportart.

Was waren die ersten Schritte, die ihr gemeinsam unternommen habt?

Wir haben an seiner Technik gearbeitet. Er hatte bis zur Aufnahme in die Mannschaft so gut wie kein „klassisch“ (klassische Technik) trainiert, da ihm die freie Technik (Skating) mehr Spaß gemacht hat. Da haben wir mit den absoluten Basics angefangen.

Gab es denn besondere „Hürden“, die ihr in eurer gemeinsamen Zeit meistern musstet?

Eine besondere Herausforderung war sicher die Technikentwicklung. Aber auch die Aufnahme an einem Bundesstützpunkt hat sich schwieriger gestaltet als gedacht. Obwohl ein sehr guter Draht zum Bundesstützpunkt Oberhof (Thüringen) bestand, wurde er dort abgelehnt. Das hat ihn und auch mich persönlich sehr getroffen. Glücklicherweise existierte bereits seit mehreren Jahren eine Zusammenarbeit mit dem Bundesstützpunkt in Winterberg (NRW) und mit dem damals zuständigen Landestrainer Stefan Kirchner, so dass er dort übernommen werden konnte.

Jan hat sich dann ja schnell immer weiter entwickelt. Wann wer der Punkt, an dem du dir sicher warst, dass er es wirklich packen kann?

Aus meiner Sicht gibt es diesen Punkt nicht, an dem man „sicher“ sagen kann, ob es eine Athletin/ein Athlet bis ganz oben schafft. Dafür kann auf diesem langen und herausfordernden Weg zu viel passieren. Neben Talent und harter Arbeit benötigt man eben auch das Quäntchen Glück. Im Fall von Jan hat er bei uns ein etabliertes Fördersystem vorgefunden und konnte so sein Talent entfalten. Wäre er 10 Jahre früher dran gewesen, hätte er wahrscheinlich keine Chance gehabt. So konnte er aber bereits in seinem ersten Jahr Platz 4 beim Deutschen Schülercup erreichen. Ein tolles Ergebnis, in welchem sein Talent erstmalig für alle sichtbar wurde.

Wie stolz bist du jetzt, dass „dein Schützling“ nun tatsächlich an den Olympischen Spielen teilgenommen hat?

Sehr stolz. Es war immer unser/mein Ziel, dass wir zeigen, dass es auch in Rheinland-Pfalz „Skilanglauftalente“ gibt, die national ganz vorne mitlaufen können. Jan war ja nicht der Einzige, der das geschafft hat. (vgl. Bericht im Anhang)

Was muss aus deiner Sicht passieren, dass es mittel- und langfristig neue Jan Stölbens in Rheinland-Pfalz geben kann?

Das ist einfach. Es müsste entweder wieder ein paar „Verrückte“ geben, die ein Fördersystem ehrenamtlich aufbauen und etablieren oder man finanziert eine hauptamtliche Trainerstelle, die diesen Job übernimmt. Ich wage mal die Theorie, dass es in jeder Sportart Talente in RLP gibt, die entdeckt werden wollen…


Verbandskader 2016, Jan Stölben (links), Thomas Kloth (unten rechts)
Foto: Privat

Das ist Thomas Kloth

Kloth begann seine sportliche Karriere zunächst als Leichtathlet bei der LG Vulkaneifel. Über eine Kooperation zwischen seiner Schule und einem Verein kam er dann zum Skilanglauf. Nach seiner ersten sehr erfolgreichen Teilnahme beim deutschen Schülercup, wechselte er 1994 an das Sportgymnasium nach Oberhof und schaffte es anschließend bis zur Teilnahme am Europacup. Nach seinem Abitur 1997 verbrachte Kloth noch ein Jahr lang bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Berchtesgaden, wo er den Sprung in den Bundeskader allerdings verpasste und sich daher für ein Studium entschied. Ab 2003 war er als Verbandstrainer für Skilanglauf beim Skiverband Rheinland tätig, bevor er im Winter 2016/17 seine Tätigkeit nach 14 Jahren niederlegte. Seit 2015 ist Kloth im Landessportbund Rheinland-Pfalz tätig, wo er seit rund zwei Jahren auch das Amt des Hauptgeschäftsführers ausfüllt.