Sport alsGegengift gegen Überdigitalisierung

Bonuslevel: Zukunftsforscher Tristan Horx im Interview 

Wie sieht der Sportverein der Zukunft aus? Tristan Horx, renommierter Zukunftsforscher und ehemaliger American-Football-Spieler, spricht im Interview über die Rolle der Digitalisierung im Vereins- und Breitensport bis 2050. Er erklärt, warum trotz KI-Analysen und digitaler Tools der Kern des Sports analog bleiben muss – und wie Vereine durch smarte Technologien mehr Zeit für das Wesentliche gewinnen. Außerdem verrät er, welche Chancen kleine Vereine haben, Schritt zu halten, und warum Digitalisierung paradoxerweise sogar das soziale Miteinander fördern kann.

Tristan, wie digital muss ein Sportverein im Jahr 2050 sein, damit er überlebt?

Es kommt natürlich ein bisschen drauf an, wie man das Wort digital da einsetzt. Ich gehe mal davon aus, dass die Kulturform des Sportes sich auch bis 2050 halten wird. Es wäre eine Illusion zu denken, dass der Fußball dann nur von Robotern gespielt wird. Es gibt ja jetzt schon alles Mögliche, was das angeht, Drohnen, die sich gegenseitig bekämpfen und so etwas, das wird es sicherlich auch geben. Aber wir arbeiten mal mit Sport als Begriff, als kompetitives Spiel zwischen Menschen. Ich glaube, das wäre mal so die die Grundformel. Das heißt, ich würde davon ausgehen, dass das, was wir als Sport bezeichnen, sich trotz aller technologischen Veränderungen im analogen Raum gehalten hat. Jetzt gehört aber natürlich eine ganze Menge anderes noch dazu, gerade im Vereinsleben. Also Dinge wie Matchplanung, Materialplanung, Logistik, und so etwas. Und natürlich auch, je nachdem, wie professionell man unterwegs ist, auch die Analytik vor und nach dem Spiel. Da wird natürlich eine ganze Menge mehr digitalisiert werden. Also klar, je nachdem, in welcher Liga man spielt, die Spielmuster des Gegners mit KI zu analysieren und sich einen personalisierten Counterplan aufzubauen – das wird sicherlich durchaus möglich sein im Jahr 2050. Ich glaube aber, am wichtigsten ist eben das, dass ich eingangs gesagt habe: Ich glaube, Sport wird noch von Menschen betrieben werden. Ich glaube, das ist relativ wichtig. Der Sport hat schon ein paar Jahrtausende überlebt und wird noch ein paar andere Jahrtausende überleben.


Werden solche KI-Analysen „nur“ möglich sein oder werden sie sogar ein Muss?

Wenn man wettbewerbsfähig bleiben möchte, dann ist es natürlich ein Muss. Man kann sich natürlich aber auch vorstellen, dass es, ähnlich wie jetzt auch mit den, in den USA geplanten, Enhanced Games, wo man einfach so viel dopen darf, wie man will, einen neuen, weiteren Wettbewerb gibt. Gerade wenn die digitale Analytik dann so stark wird, wäre es schon vorstellbar, dass es eine digitale und eine analoge. Gerade im Bereich gewisser Sportarten kann man sich das durchaus vorstellen.


Dann würden wir quasi von legalem „digitalen Doping“ reden…

Ja, genau. Wenn man sozusagen alles optimieren kann, würde man sicherlich dann diejenigen, die es nicht tun, damit besiegen. Im Spitzensport wird sowas sicherlich angewendet. Ich selbst komme aus dem American Football. Ich habe es über sieben Jahre gespielt und verfolge das noch immer. Und da sieht man natürlich schon jetzt, dass alles so zu Tode optimiert ist. Das wird dann langsam schon alles vorhersehbar. Also, ich kann mir schon vorstellen, dass digitale Analytik zumindest irgendwann zu einer Art Doping führt, wo das Spiel vielleicht ein bisschen zu voraussehbar wird. Und dann ist es ja auch irgendwie langweilig.


Das wäre Digitalisierung auf sportlicher Ebene. Wie sieht es mit den Veränderungen auf der administrativer Seite aus?

Die beste Nachricht ist natürlich, dass der nervigste Teil des Vereinslebens, die Bürokratie zunehmend digitalisiert und ein Stück weit von KI gelöst werden kann. Die Menschheit schreit ja aktuell immer nach Bürokratieabbau – ich weiß nicht, ob man sie abbauen muss oder vielleicht eher einfach die KI machen lassen muss. Ich glaube, das ist wahrscheinlich eher der fruchtbare Weg in dieser Diskussion. Das bedeutet natürlich gerade für die Vereine, denen ja oft dann auch die Ressourcen fehlen und die vielleicht nur ein, zwei Leute haben, die das machen, das die wieder mehr Zeit für das Wesentliche haben. Wenn man die ganze bürokratische Arbeit, Vereinsbescheinigung und weiß der Teufel was, wenn man das alles automatisieren lassen kann, dann bleibt einem mehr Zeit für das, worum es da geht. Und ich bin noch immer davon überzeugt, dass die wahre Funktion hinter dem Vereinsleben nicht eine sportliche, sondern eigentlich eine soziale ist. Sport ist der Vorwand, Soziales Zusammenkommen ist eigentlich die Funktion. Und in einer immer einsameren Gesellschaft ist das eine ganz gute Angelegenheit.


Bedroht die Digitalisierung dann nicht aber eigentlich den Gedanken an ein soziales Miteinander?

Ich sehe Sport stark als Gegentrend darauf. Man sieht ja jetzt schon, gerade die jüngeren Generationen vereinsamen sehr stark. Wenn man so ein bisschen schaut, was für Empfehlungen die sich geben, um aus dieser Einsamkeit rauszukommen, dann sagen alle: Tritt einem Verein bei, gehe Sport, gehe Vereinssport machen. Wenn ich mir zum Beispiel diese grässliche Kreatur namens Hyrox anschaue, die immer mein gesamtes Gym voll müllt, dann geht es da nicht um effizientes Training. Oder auch Crossfit. Da geht es primär um den sozialen Fakt. Das Tolle am Sport für mich ist ja, dass der Großteil an Sportarten es einfach unmöglich macht, seine Nachrichten, seine E-Mails zu checken. Das ist auch der Grund, warum ich ihn mache. Meine zwei Lieblingssportarten sind Surfen und Tauchen, weil das beides Sportarten sind, wo man kein Handy in der Hand haben kann. Ich sehe Sport also eher als eine Kulturtechnik, die ein Gegengift gegen die Überdigitalisierung bietet. Deswegen muss das Argument ja lauten: Das Frontend, den Berührungspunkt der Menschen analogisieren und das geht dadurch, dass man das Backend digitalisiert. Das muss, glaube ich, die Formel sein. Alles andere würde die Funktion, zumindest des Vereins- und -Verbandsports, eigentlich zerstören.


Digitalisierung fördert also sogar noch den sozialen Kontakt?

Genau, das ist die Paradoxität, die eben den meisten Zukunftsforschern, sage ich vorsichtig, immer ein bisschen schwerfällt. Die werden dann immer sagen: 'Ja, und dann müssen wir gar keinen Sport mehr machen, weil wir dann zu Hause sitzen und es gibt sowieso schon Ozempic ohne Nebeneffekte und ein bisschen Testosteron spritzt man sich auch. Dadurch muss man sich gar nicht mehr bewegen und baut Muskeln auf. Und den Sport, den kann man mit einer VR-Brille gucken und so weiter. Für mich ist das Systemverfehlung. Ich komme da aus der Anthropologie, aus der Soziologie. Für mich sind Kulturtechniken interessant und die Kulturtechniken sind im Sport. Klar, es gibt manche Leute, die wollen beim Sport nur zugucken, aber man denkt ja auch an den Vereinssport. Spätestens seit der Erfindung des Fernsehers hätte jeder sagen können: Du musst ja eigentlich mehr ins Stadion und tust dir das an. Trotzdem sich die Stadien so voll wie noch nie. Deswegen glaube ich eben, dass zunehmende Digitalisierung auf Umwegen, und auch wenn es ein bisschen dauert, auch ein bisschen zu einer zunehmenden Humanisierung führt.


Das ist Tristan Horx

Ein Millennial aus der wohl bekanntesten Zukunftsforscher-Familie Europas

Seit seinem 24. Lebensjahr steht Tristan Horx als Speaker aus der Generation Y auf internationalen Bühnen. Sein Thema ist die Zukunft. Geboren wurde er knapp vor der Jahrtausendwende und gehört damit zur begehrten Zielgruppe der sog. Millennials. Sie steht mit ihren Interessen und Motiven im Fokus vieler Unternehmen, wenn es um Fragen des gesellschaftlichen Wandels, um Kultur, aber auch um ein neues wirtschaftliches Denken geht. Aufgewachsen in der wohl bekanntesten Zukunftsforscher-Familie Europas, erlebt Tristan von früh an in einem natürlichen Mikrokosmos den Perspektiven-Clash des Generationssystems.

Mit dem sensiblen Instinkt des Zuhörers und dem Interesse an Zukunftsthemen wächst er schnell in seine Rolle als engagierter Gesprächspartner, Referent und Publizist der Generation Y. Die Zukunft der Digitalisierung, Mobilität, Globalisierung und Nachhaltigkeit hinterfragt er mit kritischem Optimismus und einem humorvollen, visionären Blick. Tristan Horx gilt als feinsinniger und schonungsloser Gesprächspartner der Menschen, die er für seine Podcast-Reihe auswählt.

Als Referent auf internationalen Bühnen polarisiert er in englischer Muttersprache oder auf Deutsch und regt zum kritischen Diskurs an. Als Autor diverser Publikationen rückt er visionäre Szenarien seines Themenspektrums wie die Zukunft der Digitalisierung, Mobilität, Globalisierung und Nachhaltigkeit in den Fokus. Zudem ist Tristan Horx Dozent an der SRH Hochschule Heidelberg und an der Fachhochschule Wieselburg sowie seit 2019 Kolumnist bei der Kronen Zeitung. Ob er sich an Unternehmen oder den Menschen als Mitglied einer sich rasant wandelnden Gesellschaft richtet, immer ruft er dazu auf, Erkenntnisse zu nutzen und die Zukunft aktiv zu gestalten.

Quelle: www.tristan-horx.com

Vielen Vereinen fehlt es oftmals an Geld. Können Kryptowährungen und NFTs künftig dabei Abhilfe schaffen?

NFTs sind natürlich tragischerweise krachend gescheitert in ihrer Funktion. Zumindest so, wie sie damals angesehen wurden. Ich glaube gerade zur Dezentralisierung von Finanzierungen gibt es eine Menge digitale Mittel. Ich glaube aber nicht, dass jeder Amateurverein seine eigene Krypto-Coin rausgeben sollte. Das wäre vielleicht nicht seine eigene Outcoin. Aber die Möglichkeit, kleinere Beträge von Leuten in der Nähe zu bekommen, wie auch immer das dann organisiert wird, das hat die Digitalisierung natürlich schon möglich gemacht. Und vielleicht auch so ein bisschen zu einer Beruhigung der der Vereine: Im Jahr 2050 wird die wirtschaftliche Lage in Deutschland durchaus wieder eine bessere sein. Das hat demografische Gründe. Das Interesse der Sportverein jetzt gerade sollte sein, so viele Rentner wie möglich anzuziehen. Von denen gibt's viel mehr, die haben viel mehr Geld. Strategisch wäre das viel schlauer und die leben sowieso länger und gesünder. Aber wenn die dann irgendwann bis 2050 wegsterben, das ist einfach demografisch so, dann wird sich auch die demografische Lage in Deutschland wieder normalisieren. Momentan ist es ja eine umgedrehte Bevölkerungspyramide, viel zu viel alte und viel zu wenig junge Leute. Das ist natürlich ökonomisch relativ schwierig. Aber das wird sich bis 2050 wieder beruhigen. Und bis dahin wird natürlich auch bei dem, was Deutschland ökonomisch Großteils kann, nämlich Produktion, KI endlich greifen, zum Beispiel in der Robotik. Wir sind ja eh schon weit vorne dabei, aber bis dahin werden KI und Robotik auch wirklich wirtschaftliche Effekte zeigen. Und deswegen würde ich sagen, 2050 wird der Gelddruck nicht so hoch sein, wie er es jetzt ist.


Wie können es speziell kleine Vereine mit wenig Einnahmen schaffen, beim Thema Digitalisierung Schritt zu halten?

Der Deal der Digitalisierung und der Globalisierung ist ja eigentlich, dass diese Technologien immer verfügbarer und immer billiger werden. Und ich sage es mal so: Wenn man als Verein einen neuen Mannschaftsbus braucht – Von BYD bekommt man wahrscheinlich schon einen für 20.000 Euro. Der von VW kostet dagegen 100.000 Euro. Ich will damit anregen, mal ein bisschen auch über die eigenen Grenzen hinaus zu schauen. Welche Lösungen gibt es? Und nicht nur immer die zu nehmen, die man gleich empfohlen bekommt. Durch die Globalisierung gibt es mittlerweile fast alles, was man braucht, billig verfügbar, auch Tech-Lösungen. Ja, man muss ein bisschen Rechercheaufwand betreiben dafür, aber das geht schon. Es gibt in den Verein und Verbänden oftmals, zumindest aus meiner Erfahrung heraus, immer wieder einen Patriarchen, der obenauf sitzt. Und es ist immer ziemlich stark nach Alter hierarchisiert. Da würde ich empfehlen, dass man die Jungen schneller früher in Entscheidungspositionen bringt, weil die da einfach viel pfiffiger sind. Wenn man jetzt als Sechzigjähriger versucht, eine digitale Lösung zu finden, dann ist das wieder etwas, das oftmals viel zu alt und viel zu teuer ist und man lässt sich über den Tisch ziehen. Da sind die Jungen einfach tiefer im Thema und das funktioniert nur, wenn man ihn in die Organisation einbindet. Das wäre also meine Empfehlung. Und das wird dann bei ganz vielen verschiedenen digitalen Lösungen helfen. Es gibt auch eine ganze Menge Freeware. Das dauert einfach nur zwei, drei Stunden länger, um sich damit zu beschäftigen. Und dann bringt man es auch für sich selbst zum Funktionieren. Also, das gibt es da draußen. Das Netz ist groß genug für diese Digitallösungen.


Thema technische Gegebenheiten in Deutschland: Wird es 2050 in den afrikanischen Savannen noch immer stabileres WLAN als in deutschen Zügen geben? 

Ich hoffe es zu bezweifeln! Aber ich gehe nicht davon aus, weil, was sich bis dahin zeigen wird, ist, dass wir zunehmend Software und Hardware voneinander trennen können. Das heißt, du brauchst die Rechenleistung nicht immer in deinem Gerät, sondern die steht irgendwo auf dem Server und du hast ein viel kleineres Gerät, mit dem man dann einfach nur ein Interface irgendwo hin projizierst. Das wird eben bedeuten, wenn man da in Deutschland mithalten will, da brauchst du halt dann 10G oder was auch immer das sein wird, um die Latenz zu verhindern. Deswegen gehe ich davon aus, dass, auch in Deutschland, sogar in der Bahn, es ein funktionierendes Netz geben wird. Jetzt gerade ist es als User nice to have, aber es bietet keinen riesigen ökonomischen Nachteil muss man ehrlich sagen. Dann macht man das Meeting halt später. Das ist jetzt nicht ganz so dramatisch. Aber wenn man überspitzt sagt, du kannst dein Smartphone nicht verwenden, wenn du nicht am Netz angeschlossen bist, dann ist es auf einmal sehr wichtig, eine sinnvolle Netzdeckung zu haben.


Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Kann die Digitalisierung mit beispielsweise smarten Solarpaneelen hier unterstützen?

Gerade im Kontext der Nachhaltigkeit muss man sagen, dass wir in Europa bis 2050 so viel Energie produzieren werden, dass man sowieso nur eine Flatrate zahlt. Man kann das gerne machen, vielleicht macht man damit auch jetzt noch ein Plus. Aber bis 2050 wird es ökonomisch keinen Unterschied mehr machen, da wir einfach so einen großen Überschuss produzieren werden. Das klingt zunächst kaum vorstellbar. Aber es klang vor 15 Jahren auch unvorstellbar, wenn man gesagt hätte, man zahlt für seinen Handytarif einfach eine Flatrate und kann so viel browsen, wie man will. Genau dasselbe wird mit Energie passieren. Das heißt, bis dahin ist das sicherlich eine schlaue Idee. Solarpaneele werden ja auch immer billiger. Ab 2050 wird Strom dann aber ubiquitär verfügbar sein. Und dann ist das durch.


In welchem Bereich wird die Digitalisierung den größten Einfluss auf Sportvereine haben?

Definitiv beim Recruiting, bzw. der Mitgliedergewinnung. Um die richtigen Leute zu finden. Das digitale Monster weiß immer mehr über uns. Und man kann immer mehr auch Korrelationen und Kausalitäten finden, dass man die richtigen Leute zum richtigen Ort bringt. Und dafür will ich es vor allem nutzen. Als Verein und Verband man lebt ja vom Nachwuchs, vom frischen Blut. Hier kann Digitalisierung helfen, wie man richtig targeten kann, dass man die richtigen Leute erwischt. Ich habe mit 15 Jahren angefangen American Football zu spielen, weil ich irgendwo einfach einen Flyer gesehen hatte. Und mir dachte: 'Wow, coole Rüstungen. Woah‘. Ich kannte die Sportart nicht mal. Da habe ich gedacht: 'Wow, das sieht doch cool aus.' Und das kann man natürlich im Digitalen perfekt zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Menschen ausspielen. Dafür und für die Dinge, die wir schon angesprochen haben, ist Digitalisierung eigentlich prädestiniert.


Zusammenfassend kann man also sagen, Digitalisierung bringt den Vorteil, dass man sich wieder mehr auf das Wesentliche konzentrieren kann, auf Sport und Gemeinschaft. Und auch kleine Vereine haben die Chance, Schritt zu halten. Wenn man sich eben ein bisschen mal nach links und rechts umschaut?

Das ist aber sehr sauber zusammengefasst! Am wichtigsten ist, gerade aus meiner Warte, dass man mit dieser Ambiguität oder dieser Paradoxität umgeht. Ja, dass durch die zunehmende Digitalisierung eigentlich mehr Zeit fürs Analoge bleibt und das muss auch der Anspruch sein. Alles andere halte ich für Blödsinn.

Das Interview führte Dominik Seel