„Wir sind dabei, eine Kulturtechnik wie Lesen oder Schreiben zu verlieren“
DSV-Präsident David Profit warnt vor schleichenden Schwimmbadsterben in Rheinland-Pfalz
Er kennt sich aus im rheinland-pfälzischen Schwimmsport – David Profit ist nicht nur Präsident des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), sondern auch Vorsitzender des hiesigen Vereins SF Gimbsheim, der sogar ein eigenes Freibad betreibt. Im Interview spricht der 50-Jährige über die allgemeine Situation der Schwimmbäder in unserem Bundesland und warnt vor einen schweren Fehler.
Herr Profit, der Begriff "Bädersterben" ist seit einiger Zeit in aller Munde. Auf der anderen Seite werden beispielsweise in Zell, Mombach oder Wittlich aktuell Schwimmbäder erneuert oder erweitert. Wie steht es denn nun um die Schwimmbäder in Rheinland-Pfalz?
Wir hatten in Rheinland-Pfalz verschiedene Wellen. In den 1970er Jahren wurden Bäder massiv aufgebaut. Das hatte was mit dem Goldenem Plan zu tun, der zu den Olympischen Spielen 1974 in München gemacht wurde. Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt haben wir hier deutlich mehr Freibäder, weniger Hallenbäder und etwas mehr Schulschwimmhallen. Und die Wasserflächen sind deutlich kleiner. Das zeigt also, ein Land, das in der Zeit, als es gebaut wurde, arm war – und es im Bundesvergleich immer noch ist – damals auf den Tourismus gesetzt hat. Die Freibäder sind nämlich dort, wo touristische Landkreise sind. Alle diese Bäder sind jetzt ziemlich in die Jahre gekommen und hoch sanierungsbedürftig. Wir haben wenig Neubauten. Die erste Sanierungswelle, die nötig gewesen wäre, die aber nicht gemacht wurde, war Ende der 1990er, Anfang 2000er Jahre, als die Kommunalfinanzen einfach miserabel waren. Da wurden vor allem viele Schulschwimmhallen geschlossen und in Bibliotheken und Mensen umgebaut. Und jetzt haben wir wieder eine Situation, wo die Kommunen mit dem Rücken an der Wand stehen und überlegen, Bäder zu schließen. Dagegen wehren sich die Menschen sehr stark. Bäder sind ein Teil unserer Identität in Rheinland-Pfalz. Das heißt, wir müssen jetzt besonders aufpassen, dass wir nicht eine Schließungswelle bekommen und dieses Bädersterben – das ein sehr umstrittener Begriff ist – sich tatsächlich dann auch realisiert.
Vorsichtig ausgedrückt könnte man also sagen, dass es zumindest eine solide Ausgangslage gibt?
Ob ich es so formulieren würde, weiß ich nicht. Wir haben leider keinerlei Planung. Wenn man sich die Vergleichszahlen für die einzelnen Landkreise anschaut, ist es wahnsinnig unterschiedlich, wie Bäder erreicht werden können, wie Wasserflächen verfügbar sind. Es gibt eigentlich fast keinen Schwimmverein, der sagt: „Wir haben ausreichend Wasserflächen, um das anbieten zu können, was wir anbieten wollen.“ Außerdem haben wir keine Wettkampfinfrastruktur. Ein Kind, das in der Eifel aufwächst, hat kaum Chancen, selbst wenn es sehr talentiert ist, so gefördert zu werden, dass es eines Tages bei den Olympischen Spielen antreten kann. Teilweise haben die Kinder noch nicht mal eine Chance, einen Schwimmkurs zu kriegen. Also hier muss strategisch in die Bäderinfrastruktur investiert werden. Man muss genau gucken, wo sind die Lücken? Was erhält man und was muss nicht unbedingt erhalten werden? Das gehört auch zur Wahrheit. Was wäre schön zu erhalten, aber was muss nicht unbedingt gehalten werden? Wir sind in der Situation, in der das Land sagt, wir kümmern uns nicht. Die Kommunen sollen es machen. Die sind aber nicht abgestimmt. Wenn wir jetzt an Rheinhessen denken, da finden aktuell sehr viele Sanierungen statt in Bädern - was gut ist. Aber die sind nicht zeitlich abgestimmt, sodass dann die Vereine auf dem Trockenen sitzen.
Wenn sich dieser Trend fortsetzt: Mit welchen konkreten Konsequenzen rechnen Sie in den kommenden Jahren für die Gesellschaft, Vereine und Schulen in Rheinland-Pfalz?
Wir haben einen massiven Verlust in der Schwimmfähigkeit. Bundesweit verlassen 500.000 Kinder im Jahr die Grundschule, ohne sicher schwimmen zu können. Das heißt nicht bei allen, dass sie gar nicht schwimmen können. Aber manche haben ein Seepferdchen erreicht, manche nicht. Wenn man das mal hochrechnet auf fünf Jahre, dann sind das 2,5 Mio. Kinder, die nicht schwimmen können. Das setzt sich fort. Wenn diese Kinder selbst erwachsen sind, gehen die auch nicht in die Bäder und kümmern sich auch nicht um die Schwimmfähigkeit ihrer Kinder. Wir sind dabei, eine Kulturtechnik, die uns wichtig ist, wie Lesen, Rechnen und Schreiben zu verlieren in der Gesellschaft. Das Rückgrat des Schwimmenlernens sind die Bäder. Und auch das Rückgrat der Erfolge, die wir haben als Deutscher Schwimmverband bei Olympischen Spielen oder bei Weltmeisterschaften, sind die Bäder. Und wir sind der Verband mit den meisten Medaillenchancen für Olympia bei den Sommerspielen. Also, um alle diese Fragen geht es, wenn wir über Bäder sprechen. Und es geht auch um die Frage, bieten wir älteren Menschen die Möglichkeit für Rehabilitation. Also gesund alt zu werden. Hier in diesem Bad gibt es sehr viele ältere Damen, die jeden Tag schwimmen kommen und sogar im Winter schwimmen. Wir haben ja auch Eisschwimmen und das sind Gesundheitsfaktoren, die sind unglaublich stark. Das kann man hier spüren. Und in der Fläche bedeutet die Schließung von Bädern oder nicht ausreichende Wasserflächen, dass das einfach nicht stattfindet.
Das Rückgrat des Schwimmenlernens sind die Bäder.
David Profit
DSV-Präsident
Und auch das Rückgrat der Erfolge, die wir haben als Deutscher Schwimmverband bei Olympischen Spielen oder bei Weltmeisterschaften, sind die Bäder. Und wir sind der Verband mit den meisten Medaillenchancen für Olympia bei den Sommerspielen. Also, um alle diese Fragen geht es, wenn wir über Bäder sprechen. Und es geht auch um die Frage, bieten wir älteren Menschen die Möglichkeit für Rehabilitation. Also gesund alt zu werden. Hier in diesem Bad gibt es sehr viele ältere Damen, die jeden Tag schwimmen kommen und sogar im Winter schwimmen. Wir haben ja auch Eisschwimmen und das sind Gesundheitsfaktoren, die sind unglaublich stark. Das kann man hier spüren. Und in der Fläche bedeutet die Schließung von Bädern oder nicht ausreichende Wasserflächen, dass das einfach nicht stattfindet.
Gibt es denn bundesweit Regionen, in denen die Aussicht zumindest etwas besser ist? Und vor allem – kann man sich da für uns in RLP etwas abschauen?
In den Stadtstaaten ist es sicherlich einfacher. Wenn da ein Stadtteil gebaut wird, wird einfach ein Bad mit geplant. Hamburg hat beispielsweise ein System, in dem Schwimmenlernen an die Bäderbetriebe übertragen wurde. Die Schulen sind dadurch ein Stück weit entlastet. Wie gut das funktioniert, ist gerade Gegenstand der Forschung. Wir wissen aber, dass in Thüringen die Wasserflächen rund doppelt so groß sind, wie in Rheinland-Pfalz. Und da gibt es jetzt keine großen Unterschiede in den Strukturen. Das heißt, es kommt auch ein Stück weit darauf an, wie Prioritäten gesetzt wurden von Seiten von Landesregierungen.
Das heißt, die Priorität liegt bei uns in Rheinland-Pfalz nicht auf dem Schwimmen?
Seit vielen Jahrzehnten liegt die Priorität nicht auf dem Schwimmen. Man kann das mit dem Saarland vergleicht. Dort finden die Rheinland-Pfalz-Meisterschaften statt, weil wir in Rheinland-Pfalz einfach kein 50-Meter-Wettkampfbecken-Hallenbad haben. Da hat die Ministerpräsidentin gesagt, zehn Prozent der Investitionsmittel, die wir aus dem Investitionsprogramm des Bundes bekommen, gehen in die Bäder. Das hat in Rheinland-Pfalz nicht stattgefunden. Das sind Prioritäten, die das Saarland viel positiver setzt als Rheinland-Pfalz.
Viele Menschen können sich gar nicht vorstellen, mit welchen finanziellen und personellen Herausforderungen der Betrieb eines Schwimmbads einhergeht. Können Sie grob skizzieren, was die größten Faktoren sind, die derzeit für Probleme sorgen?
Schwimmbäder sind Infrastruktur, die wir über Steuergelder finanzieren, genau wie Schulen, Kindertagesstätten oder auch die ganzen Dienstleistungen, die eine Verwaltung bereitstellt. Und irgendwie ist dieses Denken verloren gegangen. Wir haben im Kopf, dass sie sich 100-prozentig selbst tragen müssen. Tatsächlich tragen sich Freibäder aber nur zu 15 bis 20 Prozent durch Eintrittsgelder und der Rest wird über Steuergelder eingesammelt. Aber dadurch, dass wir denken, alles müsste sich von selbst finanzieren, lastet ein wahnsinniger Druck auf den Kommunen, die Bäder zu schließen.
Was müsste denn der Eintritt in ein Schwimmbad kosten, wenn es keine Fördermittel geben würde?
Also, da ist man im Bereich von 30 Euro um kostendeckend zu sein. Aber das ist utopisch.
Die Eintritte in die Bäder dürfen nicht sozial selektiv sein.
