„HOLT EUCH PROFIS IN DEN VEREIN“
Gewaltprävention: Was Judo-Trainer Siegbert Geuder von Kim Chi Mainz Vereinen rät

Herr Geuder, seit wann macht sich Ihr Verein für Gewaltprävention stark?
Seit Vereinsgründung 2014 machen wir neben Judo auch Gewaltprävention. Dafür haben wir extra einen Gewaltpräventionspädagogen. Einen direkten Anlass dafür gab es nicht. Der Grund dafür liegt eher darin, dass wir die Sportart Judo nicht nur als eine Wettkampfsportart sehen, sondern als eine Art Lebenseinstellung/Philosophie. Judo mit seinen Werten ist als Kampfsportart dafür prädestiniert, Kindern präventiv den Umgang mit Gewalt näher zu bringen, Gewalt in jeglicher Form in ihrer Entstehung zu erkennen, ihr vorzubeugen und nachhaltig präventiv zu begegnen. Unser Ansatz ist, den Kindern von der ersten Stunde an beizubringen, dass Gewalt im Judosport kein Zuhause hat. Alleine schon die deutsche Übersetzung von Judo („Der sanfte Weg“, Red.) verdeutlicht, welches Ziel diese Sportart vermitteln möchte. Damit ist Judo für Kinder von unschätzbarem Wert – Gewaltprävention inklusive.
Findet die Gewaltprävention eigentlich „so nebenbei“ im regulären Training statt oder gibt es da spezielle Kurse?
Sowohl als auch. Durch Judo-Werte wie Respekt, Ehrlichkeit und Wertschätzung wird den Kindern auf sehr spielerische Art und Weise von Stunde eins an ein respektvoller, sportlich fairer Umgang miteinander vermittelt. Das Kämpfen unter klaren und eindeutig definierten Regeln ermöglicht es ihnen, ihre den Tag über angestauten Aggressionen kontrolliert loszuwerden. Gleichzeitig respektieren sie ihr Gegenüber und dessen Bedürfnisse/Voraussetzungen – sowohl körperlich als auch auf seelischer Ebene. Die Kinder lernen, Kontrolle über sich und ihre Emotionen zu bekommen und sich gleichzeitig auf einen Partner einzulassen, mit dem sie üben – auf den man aber auch aufpassen muss. Neben dem Judo-Training haben wir aber auch ganz gezielte Gewaltpräventionsprojekte an Schulen laufen.
Wie ist Ihr Präventionskonzept aufgebaut?
Der Judo-Club Kim-Chi hat ein Gesamtkonzept für die Kinder zwischen drei und zwölf Jahren entwickelt, das den individuellen Bedürfnissen der entsprechenden Altersstufen gerecht wird. Das Budo-Turnen stellt in unserem Verein die Basis für alle weiteren Aktivitäten dar. Alle Kinder der mit uns kooperierenden Kitas und Schulen stärken hier auf spielerische Art und Weise ihre motorischen Fähigkeiten wie Koordination, Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Zusätzlich beinhaltet unser Budo-Turnen auch Themen der Unfallprävention wie etwa den Umgang mit Gefahren im Alltag, wie Fallen, Stürzen und Verhalten in bestimmten Gefahrensituationen. Der Übergang von der Kita zur Grundschule stellt dann in verschiedenen Bereichen für die Kinder und deren Eltern eine weitere große Herausforderung dar.
Mit unserem Selbstschutztraining möchten wir die Vorschulkinder auf ihren neuen Lebensabschnitt „Grundschule“ vorbereiten. Dabei steht auch der künftige Schulweg mit auf dem Programm, den die Kinder kennenlernen sollen, um das „Eltern-Taxi“ überflüssig zu machen. Ebenso das richtige Verhalten im Straßenverkehr, aber auch der Umgang untereinander. Eines unserer prämierten Projekte ist die „Schulweg-Sicherung“, die Erst- und Zweitklässlern einen sicheren und gewaltfreien Schulweg gewähren sollen. Kinder sollen auf die Gefahren ihres Schulwegs vorbereitet werden und lernen, wie sie sich verhalten sollten, wenn sie in Gefahr geraten. Aber auch der gemeinsame Schulweg mit Schulkameraden kann manchmal Konfliktpotential beinhalten. Wie man sich richtig verhält, wenn man mit Gewalt auf dem Schulweg konfrontiert wird, sollen die Kinder in diesem Projekt erfahren – das 2018 von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin ausgezeichnet wurde.
Das weiterführende Projekt nennt sich „Gewaltfreies Lernen“, richtig?
Ja, hier werden die Dritt- und Viertklässler damit konfrontiert werden, wie man Gewalt erkennen, vermeiden und vorbeugen kann. Ziel ist es, ein gewaltfreies Schul- bzw. Klassenklima an der jeweiligen Schule zu erreichen, bei dem auch die Ausbildung von Streitschlichtern im Fokus steht. Diese Themen werden wöchentlich in einer Art Schulunterrichtsfach „Gewaltprävention“ in den Stundenplan der Kinder an der jeweils kooperierenden Grundschule integriert und von unserem ausgebildeten Gewaltpräventionspädagogen geleitet. Am Nachmittag bieten wir an den Grundschulen verschiedene Bewegungsangebote/Selbstverteidigungskurse an. Dort werden die Kinder im fairen Umgang mit Gewalt geschult und lernen, wie man sich gegen etwaige Angriffe wehrt. Dabei stellen wir die Judo-Werte heraus, die man stets beim Ausüben einer Selbstverteidigungssportart beachten sollte. Umgesetzt wird das Konzept von unserem hauptamtlichen Trainer und Gewaltpräventionspädagogen Laurent Schmidt. Er ist auch dafür zuständig, unsere Trainer und Übungsleiter fit zu machen für den Umgang mit den Problemen im Alltag und in den Schul-AGs. Aber auch an den Schulen nimmt dieses Thema eine immer wichtigere Rolle ein. Deshalb bietet Kim-Chi hier Gewaltpräventionskurse an, in denen auch das Schulkollegium in die Präventionsarbeit integriert und somit parallel mit geschult wird.
Als Übungsleiter bist du heute nicht mehr nur Trainer, sondern auch Berater, Betreuer, Psychologe oder Streitschlichter
Wie sieht es mit der Gewaltprävention in Ihrem eigenen Verein aus?
Wir haben ein sehr umfangreiches Schutzkonzept für alle Mitglieder. Unsere Übungsleiter an den verschiedensten Schulen stehen jeden Tag vor großen Herausforderungen. Leider lässt der Umgang der Schüler*innen untereinander immer mehr zu wünschen übrig. In Gesprächen mit Sozialarbeiter*innen und Schulleitungen stellen wir fest, dass auch deren Arbeit täglich an ihre Grenzen stößt. Ich selbst habe schon mehrfach mitbekommen, dass die Polizei in die Grundschule kommen musste, um die Situation in den Griff zu bekommen. Immer häufiger sind in diesen Fällen die Eltern der Kinder in die Auseinandersetzungen involviert. Kinder kommen nach dem Training zu uns und berichten, dass sie von Eltern ihrer Schulkameraden bedroht wurden. Als Übungsleiter bist du heute nicht mehr nur Trainer, sondern auch Berater, Betreuer, Psychologe oder Streitschlichter – wofür wir eigentlich gar nicht ausgebildet sind. Aber was soll man machen, wenn man täglich damit konfrontiert wird? Bei Kim-Chi haben das Glück, einen eigenen Gewaltpräventionspädagogen und weitere geschulte Präventionsbeauftragte im Verein zu haben, mit denen wir regelmäßig vereinsinterne Trainer-Lehrgänge abhalten, wo diese Problematik mit unseren Übungsleitern behandelt/bearbeitet wird. Die zunehmende Aggressivität an Schulen ist auch ein Grund, warum man immer schwieriger Trainer für diesen Bereich findet. Mit solchen Vorkommnissen muss man als Trainer ja erstmal fertig werden.
Welche Empfehlungen geben Sie anderen Vereinen, die das Thema angehen wollen?
Holt euch Profis in den Verein, die eure Übungsleiter auf solche Vorkommnisse vorbereiten. Alternativ gibt es in den Landessportbünden oder der Sportjugend gute Fortbildungskurse, die diese Problematik thematisieren. Junge Übungsleiter sollten erst einmal mit erfahrenen Übungsleitern zusammenarbeiten, bevor sie eine Gruppe alleine übernehmen. Die Sportart Judo hat hier gegenüber anderen Sportarten einen großen Vorteil – weil der Respekt vor unserer Sportart bei den Kindern anfangs immer riesig ist. Durch die klaren Strukturen und die respektfordernden Rituale können wir die Kinder von der ersten Stunde an „einfangen“. Vielleicht sollten sich andere Sportarten etwas vom Judosport abschauen.
Das Interview führte Michael Heinze