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Interview mit Dr. Andreas Barz


Also das heißt, so ganz ausschließen kann man nicht, dass Leistung oder auch Sieg beim Gesundheitssport ausgeklammert werden? 

Ich würde noch einen Schritt weiter vorne anfangen. Wir wissen, dass Bewegungsmangel ein sehr großer gesundheitlicher Risikofaktor ist. Wenn wir uns anschauen, wie viele Menschen in Deutschland die Bewegungsempfehlungen umsetzen, sind wir ungefähr bei einem Viertel. Bewegungsmangel ist also ein großes Problem. 
Wenn ich da als Wissenschaftler draufblicke, würde ich sagen: Jede Form von Bewegung und Sport ist zunächst einmal positiv und dient auch der Gesundheit. Auch wer Breitensport oder sogar Leistungssport betreibt, tut damit etwas für seine Gesundheit. 
Natürlich muss man den Gesundheitssport trotzdem klar vom Leistungssport abgrenzen. Was man aber auch sagen muss: Gerade die Leistungsfähigkeit spielt im Gesundheitssport eine wichtige Rolle. Wir wissen, dass jemand mit einer guten Ausdauerleistungsfähigkeit und einer guten Kraftfähigkeit beispielsweise ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat. 
Wenn ich mich nach einer Verletzung in einer Reha-Maßnahme oder im Rehasport befinde, geht es ebenfalls darum, meine Leistungsfähigkeit wieder aufzubauen. Das ist dann ein wichtiges Ziel. Das Thema Leistungsfähigkeit sollte im Gesundheitssport also nicht unter den Tisch fallen. 

Wir haben in der Vorbereitung Stichworte gelesen wie Primärprävention, Sekundärprävention, Rehasport. Das kennen sicherlich viele aus dem eigenen Leben, um sich etwa nach einer Verletzung wieder fit zu machen. Fitness und Seniorensport ist das, wo ganz viele Vereine unterwegs sind und Kurse anbieten. Wo sind die Hauptbereiche und Handlungsfelder im Gesundheitssport? 

Da haben Sie eigentlich schon die wichtigsten Handlungsfelder genannt. Man kann sie ein bisschen einordnen: Fitnesstraining beziehungsweise Fitnesssport besteht in der Regel aus Kraft- und Ausdauertraining und dient der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Seniorensport meint Angebote, die sich speziell an ein älteres Publikum richten. 
Prävention bedeutet grundsätzlich die Vermeidung von Erkrankungen. Ich werde also sportlich aktiv, um bestimmte Erkrankungen zu vermeiden – zum Beispiel Rückenbeschwerden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 
Wenn ich im Bereich der Sekundärprävention bin, gibt es bereits erste Krankheitszeichen oder Risikofaktoren. Beispielsweise war ich beim Arzt und dort wurde festgestellt, dass mein Blutdruck schon etwas erhöht ist. 
Wenn ich dagegen etwa einen Herzinfarkt hatte, sollte ich natürlich zu einem bestimmten Zeitpunkt auch wieder anfangen, körperlich aktiv zu werden. Dann wären wir im Bereich des Rehasports. Von Rehasport sprechen wir, wenn eine Behinderung bereits vorliegt oder droht. Das Ziel des Rehasports ist es, dem Menschen zu ermöglichen, wieder am gesellschaftlichen und auch am beruflichen Leben teilzunehmen. 

Bewegung ist sozusagen die Polypille, die auf ganz vielen Ebenen wirkt.


​Wir haben eben schon mal kurz über die Begrifflichkeit gesprochen. Kann man das dann im Verein exakt voneinander trennen bzw. es da irgendwo so eine genaue Grenze, wo Sie sagen: „Bis dahin Gesundheitssport, ab da Präventionssport“? 

Ja, man kann das relativ klar trennen. Gesundheitssport sind alle Formen von Sport und Training, die dem Ziel folgen, gesundheitliche Ressourcen auf- und Risikofaktoren abzubauen. Die konkreten Umsetzungsmöglichkeiten sind hier also sehr vielfältig. 
Präventionssport und auch Rehasport sind in Deutschland dagegen klar reglementiert und auch im Sozialgesetzbuch verankert. Hier gibt es klare Rahmenbedingungen, die die Kostenträger vorgeben. Es gibt organisatorische und institutionelle Anforderungen, aber auch Anforderungen an die Übungsleitenden. 
Vereine müssen also zunächst die Voraussetzungen erfüllen, bevor sie Präventiv- oder Rehasport anbieten können und eine entsprechende Anerkennung der Kostenträger möglich ist.

​​Womit wir beim nächsten Punkt wären. Wir haben ja Präventivsport – und auf der anderen Seite auch den Rehasport. Gibt es da auch nochmal zusätzliche Herausforderungen für die Vereine, was diese an Leistung im Organisatorischen, aber vielleicht auch Medizinischen bringen müssen? Sie haben eben von qualifizierten Übungsleitenden gesprochen. 

Man muss ganz klar sagen: Wenn ich Rehasport anbieten möchte, sind die Anforderungen noch einmal deutlich höher als bei Angeboten im Präventionssport. 
Das liegt unter anderem daran, weil wir dort zum Teil mit Menschen zu tun haben, bei denen schwere Erkrankungen vorliegen. Dafür muss das entsprechende Know-how vorhanden sein. Auch die formelle Qualifikation der Übungsleitenden muss gegeben sein. 
So ist bei gewissen Angeboten im Rehasport zum Beispiel eine ärztliche Beaufsichtigung notwendig. Derartige Hürden sind speziell für kleinere Vereine nicht zu unterschätzen. Der Zugang zum Präventionssport ist im Vergleich dazu deutlich einfacher. 

​Zumal der Arzt ja auch vor Ort sein muss. In der Region, wo ich das Angebot machen muss, muss ich den passenden Facharzt haben, der auch entsprechend bezahlt werden muss. Wir haben zwar darüber gesprochen, dass die Krankenkassen vielleicht etwas übernehmen, einen Großteil meinetwegen auch, aber trotzdem muss es ja irgendwo auch finanziert werden und darf am Ende dem Verein nicht zusätzlich in Schwierigkeiten bringen. Traditionell sind unsere Vereine im Wettkampfsport/Breitensport aktiv. Wenn jetzt ein Verein sagt, dass Gesundheitssport ein Thema für ihn wäre, wegen der Altersstruktur/Mitgliederstruktur im Verein? Aus welchem Grund treiben die älteren Leute noch Sport im Verein? Das dient ja meistens dann doch dem Gesunderhalt, um sich fit zu halten und zu bewegen – und dann kommt die soziale Komponente im Verein dazu. Aber wo könnten Vereine heutzutage denn aktiv werden oder wo sollten Sie vielleicht auch aktiv werden, um das Thema Gesundheitssport mit aufzugreifen? 

Grundsätzlich haben Vereine die Möglichkeit, die komplette Bandbreite abzudecken. Ich glaube, wichtig ist zunächst, dass sich die Vereine überlegen: Was ist meine Zielgruppe und wie spreche ich sie am besten an? 
Wenn das beispielsweise Bestandsmitglieder sind, für die das Thema Wettkampfsport nicht mehr so interessant ist, weil sie körperlich vielleicht nicht mehr dazu in der Lage sind oder beruflich nicht mehr die Zeit aufbringen möchten, kann ich ein Angebot machen, das stärker den Fokus auf das Thema Gesundheit legt und sie dort abholt. 
Gerade der Präventionssport bietet natürlich auch die Möglichkeit, ganz neue potenzielle Mitglieder auf meinen Verein aufmerksam zu machen. Aber ich glaube, der Verein muss zunächst für sich klar definieren, was seine Zielgruppe ist und ob das Konzept, das er anbieten möchte, dazu passt – sei das Präventionssport oder „einfach nur“ ein Gesundheitssportkurs. 

​Okay, also der Verein startet rein, macht ein Gesundheitssportangebot. Dann gibt es, wenn man sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, ja auch verschiedene Siegel oder insbesondere das Siegel SPORT PRO GESUNDHEIT, das bundesweit, aber natürlich auch für die rheinland-pfälzischen Vereine, angeboten wird. Sehen Sie das als guten Start, dass die Vereine sich direkt auf den Weg machen, das Siegel zu haben – um auch zu plakatieren, dass sie im Gesundheitssport aktiv sind? Oder ist es vielleicht schon eine Nummer zu hoch und man fängt besser kleinteiliger an – wohlwissend, dass das Siegel natürlich die Möglichkeit mitbringt, Kurse/Angebote auch so abrechnen zu können, dass die Krankenkassen es wieder übernehmen und die Mitglieder quasi gar keine Zusatzkosten haben? Würden Sie den Vereinen also empfehlen, direkt das Siegel zu erwerben oder eher sich dem Siegel eher Schritt für Schritt anzunähern? 

Das Siegel ist für Vereine interessant, weil es speziell auf sie ausgerichtet ist und ihnen einen Weg aufzeigt, wie sie Angebote machen können, die von Krankenkassen bezuschusst werden. Das ist für Vereine ein interessanter Weg, wenn sie auch im Präventionssport aktiv werden möchten. 
Zudem haben sie durch das Siegel auf der einen Seite eine Anerkennung durch die Krankenkassen und auf der anderen Seite für potenzielle Mitglieder das klare Signal: Wir bieten hier zertifizierten Gesundheitssport an. Das sind definitiv Vorteile. 
Um das Siegel zu erhalten, müssen jedoch dennoch die Anforderungskriterien erfüllt werden. Für manche Vereine sind diese Hürden schwieriger, für andere vielleicht leichter zu überwinden. 
Der Verein kann natürlich auch Gesundheitssportkurse ohne Siegel anbieten. Aber der entscheidende Punkt ist die Förderung durch die Krankenkassen. Wenn das für mich interessant ist und ich das auch nutzen möchte, um langfristig neue Mitglieder zu gewinnen, bietet das Siegel eine gute Möglichkeit, in den formellen Präventions- oder Rehasport einzusteigen. 

​Absolut. Gesundheitssport findet ja heutzutage auch ganz viel im Büro oder im beruflichen Kontext statt. BGM, betriebliche Gesundheitsmaßnahmen – ob Yoga, Pilates, die gemeinsame Laufrunde und und und... Ganz viele Angebote, die die Firmen machen, teilweise machen müssen, um auch ihre Mitarbeiter zu halten. Wie sollte ein Verein da rangehen, um davon zu profitieren? 

Betriebliches Gesundheitsmanagement, Betriebssport und Firmenfitness sind für Vereine interessante Felder. Der Einstieg kann theoretisch sehr einfach sein, beispielsweise indem ein Unternehmen die Sportstätten des Vereins für seine Beschäftigten nutzen kann. Unternehmen erwarten allerdings zunehmend maßgeschneiderte Lösungen. Dann muss sich ein Verein fragen, ob er dafür die notwendige Expertise besitzt – etwa durch entsprechend qualifizierte Übungsleitende, Trainer oder Fachkräfte im Gesundheitsmanagement. 
Diese Kompetenzen kann man durch Weiterbildungen oder auch durch hauptamtliche Mitarbeitende gezielt aufbauen. Im Bereich Gesundheitsmanagement gibt es beispielsweise auch entsprechende duale Studiengänge an unserer Hochschule. So kann sich ein Verein die notwendige Expertise ins Haus holen und deutlich mehr anbieten als lediglich den Zugang zu einer Sportstätte. 
Man sollte dabei aber nicht unterschätzen, dass der Verein in diesem Bereich zunehmend als Dienstleister auftritt. Diese Rolle entspricht nicht automatisch der klassischen Vereinsstruktur. Sie kann sehr gut funktionieren, erfordert aber entsprechende Kompetenzen und professionelle Strukturen. 

​Ja, so aus der eigenen Erfahrung, so Rheinland-Pfalz weit gesehen, gibt es vielleicht gute zwei Handvoll, die das gut umsetzen können oder vielleicht auch schon machen. Und bei allen anderen ist es natürlich extrem schwierig aus verschiedenen Gründen. 

Aber das ist ja auch eine gute Nachricht für die Vereine. Offensichtlich ist noch viel Potenzial vorhanden. Die Wiese ist also noch nicht abgemäht. 

​Das glaube ich nicht. Es fängt ja bei jedem kleinen Unternehmen auch auf dem Land oder im Dorf an, die ja auch ihre Mitarbeiter halten müssen. Wenn der Verein dann vor Ort diese Betriebe abklappert und sagt, da gibt es ein Schlosser oder einen Automechaniker oder sonst was und wir bieten für euch nach Dienstschluss noch eine gemeinsame Runde Rückenfitness an, die dann auch dahin gekoppelt genau an die an die Vereinszeiten andockt, ohne gleich morgens um 11 Uhr jemanden abstellen zu müssen, dann könnte es ja schon so ein Ansatz sein, wo es funktioniert. Wenn ich natürlich sage, ich gehe jetzt zum großen Unternehmen mit 200 Mitarbeitern und muss dann jeden Tag in der Woche eine Gruppe anbieten, morgens um 10 Uhr und dann Übungsleiter sauber dafür abstellen – auch im Krankheitsfall, im Urlaubsfall usw. – dann wird es schon herausfordernd. 

Auf diesem Feld sind natürlich auch andere Akteure unterwegs, die das schwerpunktmäßig machen. Da muss der Verein überlegen, ob es nicht sogar sinnvoller wäre, auf eine Kooperation mit einem solchen Anbieter zu setzen und nicht unbedingt alles alleine zu machen. Auch das ist eine Möglichkeit. 

​Kommen wir mal ein bisschen weg von diesen organisatorischen und definitorischen Sachen und gehen wir in den in Gesundheitssport hinein. Da passiert ja ganz viel im Körper – biologisch, medizinisch und physiologisch. Wie kann Gesundheitssport am gezieltesten wirken? Man sagt ja: „Gesundheitssport ist eine Medizin ohne Nebenwirkungen.“ 

Das ist natürlich ein schöner Satz, aber man muss ihn ein bisschen einordnen. Wer beim Tennisspielen schon einmal umgeknickt ist oder sich beim Fußball das Kreuzband gerissen hat, weiß, dass auch Sport unerwünschte Nebenwirkungen haben kann. Deshalb kommt es – genau wie bei einem Medikament – auf die richtige Dosierung an. Gerade im Gesundheitssport, wo möglicherweise bereits Risikofaktoren oder Erkrankungen vorliegen, ist professionelle Anleitung besonders wichtig. 
Was Sport allerdings auszeichnet, ist sein außergewöhnlich breites Wirkspektrum. Bewegung und Training wirken auf die Muskulatur, den Bewegungsapparat, das Herz-Kreislauf-System, das Nervensystem, das Hormonsystem und natürlich auch auf die Psyche. Kaum eine einzelne Pille könnte dieses Spektrum abdecken. 
Wenn wir noch einmal auf die Nebenwirkungen zurückkommen, kann man sagen: Sport, Training und Bewegung haben im Allgemeinen ein sehr positives Nebenwirkungsprofil. Vielleicht beginnt jemand wegen seiner Rückenschmerzen mit dem Training und verbessert ganz nebenbei auch sein Körpergewicht, seinen Blutdruck oder sein psychisches Wohlbefinden. Selbst Krafttraining, das man zunächst vor allem mit der Muskulatur verbindet, hat positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System. Bewegung ist sozusagen die Polypille, die auf ganz vielen Ebenen wirkt. 

​Nur, dass sie viel kleiner ist als die Polypille, die man sich jetzt vielleicht vorstellt als Melone, die man schlucken müsste. 

Der Unterschied zwischen der „Polypille Sport“ im Vergleich zu einer richtigen Pille ist zudem, dass ich die Pille aus der Apotheke lediglich schlucken muss, damit sie wirkt. Damit Sport wirkt, muss ich mich bewegen, und das verbinden viele zunächst mal mit Anstrengung. Damit die Menschen dennoch anfangen und dann auch dabei bleiben, muss es gelingen, dass sie Sport nicht mehr nur mit Anstrengung verbinden. 

​Das auf jeden Fall und wir hoffen, dass es für die Vereine so ist, dass da viele dabei bleiben. Sie haben eben schon gesagt, Krafttraining, Ausdauertraining, motorische Fähigkeiten zu bedienen und zu verbessern. Im Gesundheitssport sind ja diese ganzen Komponenten wichtig, Beweglichkeit usw. Gibt es da eine Königsdisziplin, wo Sie sagen, auf jeden Fall, wenn man was macht für die Gesundheit – dann Kraftsport eben, das bedient auch Herz-Kreislauf. Oder macht man Herz-Kreislauf und wenn ich Fahrradfahren gehe und hab einen entsprechend hohen Gang habe ich auch Krafttraining, aber eher Herzkreislauf? 

Die motorischen Fähigkeiten, um die es im Gesundheitssport meist geht, sind Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Eine weitere motorische Fähigkeit ist übrigens die Schnelligkeit. Die wird im Kontext der Prävention aber häufig völlig vergessen. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler, weil wir wissen: Gerade im höheren Alter spielt Schnelligkeit beispielsweise für die Sturzprophylaxe eine wichtige Rolle. 
Letztlich sind natürlich alle motorischen Fähigkeiten wichtig und sollten im Gesundheitssport Beachtung finden. 
Ich würde aber sagen, dass Kraft- und Ausdauertraining den Hauptteil ausmachen sollten. In der Praxis werden die motorischen Fähigkeiten sowieso nicht isoliert trainiert. Wer beispielsweise Krafttraining macht, kann dadurch auch seine Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination verbessern. Gerade beim Kraft- und Ausdauertraining kann ich zudem auch körperliche Anpassungen, z. B. auf Ebene der Muskulatur oder des Herz-Kreislauf-Systems, erzielen. 
Der Fokus sollte daher auf Kraft- und Ausdauertraining liegen, aber Koordination und Beweglichkeit müssen mitgedacht werden. 

​Wir haben neben diesen motorischen Fähigkeiten natürlich auch die ganzen psychosozialen Komponenten, die der Sport – insbesondere der Vereinssport – ja auch mit sich bringt. Ganz viele machen sicherlich auch ihr Fitness- oder Gesundheitstraining zu Hause vor dem Video, gemeinsam mit der Fitness-App oder auch im Fitnessstudio, aber eben alleine. Inwiefern stärkt Gesundheitssport im Verein neben der Fitness auch unsere psychosoziale Gesundheit und Resilienz bis hin dazu, dass er auch vor Einsamkeit schützen kann? 

Ich denke, dass das gerade für Vereine ein ganz wichtiges Alleinstellungsmerkmal ist. Das Thema Einsamkeit ist nicht zu unterschätzen. Vielleicht wirkt Einsamkeit als gesundheitlicher Risikofaktor zunächst etwas abstrakt. Aber die Forschung zeigt ganz deutlich, dass Menschen, die sich einsam fühlen, ein höheres Risiko für chronische Erkrankungen und eine niedrigere Lebenserwartung haben. Im Bereich der öffentlichen Gesundheit spielt Einsamkeit daher eine zunehmend größere Rolle. 
Soziale Eingebundenheit, die der Einsamkeit entgegenwirkt, kann ich auch nicht einfach digital über soziale Medien nachbilden. Entscheidend ist zudem nicht allein, von Menschen umgeben zu sein, sondern sich tatsächlich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben. Vereine haben hier mit ihrem Gemeinschaftsgedanken eine große Stärke. Sie können körperliche Aktivität mit sozialer Teilhabe verbinden und damit dazu beitragen, Menschen langfristig an einen gesunden und bewegungsreichen Lebensstil zu binden. 

​Wie können die Vereine wirklich noch aktiver dafür sorgen, dass die Teilnehmer, die mal in einem Kurssystem dabei waren, tatsächlich ihr Verhalten ändern? Wo können die Vereine ansetzen, dass die Menschen ihr Verhalten ändern und immer wieder da sind, auch wenn es jetzt keinen Kurs und keinen Krankenkassenzuschuss gibt? 

Das ist natürlich die große Herausforderung. Man beobachtet durchaus, dass Menschen in einen Kurs kommen, die vielleicht jahrelang kaum etwas aktiv für ihre Gesundheit gemacht haben. Die Empfehlung vom Arzt oder die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ermöglichen dann den Einstieg in das regelmäßige Training. Sowohl die Teilnehmenden als auch die Anbieter beschäftigen sich jedoch entweder gar nicht oder viel zu spät mit der Frage, wie es nach der letzten Einheit eines zeitlich limitierten Kurses weitergeht. Ein Kerngedanke des Gesundheitssports ist deshalb, Teilnehmende langfristig an einen aktiven Lebensstil zu binden. 
Um das zu schaffen, gibt es sicherlich viele Hebel. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Teilnehmer die Zusammenhänge zwischen Bewegung und Gesundheit verstehen. Als Anbieter oder Übungsleiter muss ich die Menschen deshalb auch ein Stück weit aufklären. Gesundheitssport bedeutet nicht nur, dass ich mich bewege, sondern sollte immer auch eine edukative Komponente haben. Der Übungsleiter ist also nicht nur der Vorturner, sondern sollte auch Wissen über einen gesunden und bewegungsreichen Lebensstil vermitteln. 
Ein weiterer entscheidender Punkt, der damit zusammenhängt, ist der Aufbau von Selbstwirksamkeit. Durch Feedback und Anerkennung erleben die Teilnehmer, dass sie selbst aktiv etwas tun können, damit sie sich besser fühlen oder gesundheitliche Probleme in den Griff bekommen. Wenn sie diese Selbstwirksamkeitserfahrung gemacht haben, ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie langfristig weitermachen. 
Wir wissen aus der Forschung, dass Gesundheit ein sehr gutes Anfängermotiv, aber kein besonders gutes Dranbleibermotiv ist. Die Leute kommen, weil sie etwas für ihre Gesundheit machen müssen. Diejenigen, die langfristig dabeibleiben, machen es aber in erster Linie, weil es ihnen Spaß macht, weil sie Freude an der Bewegung haben oder weil sie eine Gruppe gefunden haben, in der sie sich wohlfühlen. Der Gedanke an die Gesundheit bleibt zwar wichtig, rückt aber in den Hintergrund. Stattdessen geht es um die Freude an der Bewegung und – gerade im Verein – auch Freude an der Gemeinschaft. 

​Ja, das ist die große Herausforderung für die Vereine, dann am Schluss nach diesen zehnmal Kursteilnahme den Kurs in ein normales System zu überführen, dass die Leute auch ohne den Krankenkassenzuschuss und auch ohne die Aufforderung durch den Arzt da bleiben. 

Finanzielle Hürden spielen dabei natürlich eine Rolle. Gerade Vereine können aber häufig weiterhin attraktive Angebote machen. Wichtig ist, bereits bei der Planung eines Präventionskurses darüber nachzudenken, wie die Teilnehmenden anschließend im Verein weitermachen können. 
Über zehn Einheiten entstehen Routinen. Deshalb sollte man den Übergang möglichst einfach gestalten – beispielsweise mit einem Anschlussangebot zur gleichen Uhrzeit, vielleicht sogar mit derselben Übungsleitung oder gemeinsam mit der bereits entstandenen Gruppe. Je weniger sich für die Teilnehmenden verändert, desto leichter lässt sich die aufgebaute Routine fortsetzen. 

Der Fitnessmarkt neben dem Sportverein schläft ja bekanntlich nicht. Aber der Sportverein hat ja Alleinstellungsmerkmale. Wo hat der Verein da wirklich die Vorteile gegenüber den kommerziellen Studios, gegenüber den Apps und gegenüber allen Onlineangeboten? 

Ich glaube, das zentrale Alleinstellungsmerkmal der Vereine ist nach wie vor der Gemeinschaftsgedanke. Die Mitglieder werden sozial eingebunden und es gibt einen gemeinsamen Zweck, den man verfolgt. Hinzu kommt bei vielen Vereinen die lokale Verwurzelung, die nach wie vor eine große Rolle spielt. 
Und je nach Verein gibt es natürlich auch den Zugang zu bestimmten Sportstätten, die andere Anbieter in dieser Form vielleicht nicht haben. 
Ich glaube, Vereine sollten genau auf diese Stärken setzen und nicht versuchen, andere Anbieter auf dem Markt einfach zu kopieren. Das heißt ja nicht, dass ein Verein keine sozialen Netzwerke oder Social Media nutzen darf. Auch eine App kann ein Verein natürlich verwenden. Aber er sollte trotzdem versuchen, seine DNA als Gemeinschaft im Fokus zu behalten. 

​Wo sind die größten Herausforderungen und Probleme, die die Vereine bearbeiten müssen, um Gesundheitssport anbieten zu können bzw. was müssen vielleicht auch die Verbände tun? Ein Fußballverband, ein Tennisverband hat jetzt nicht unbedingt als erste Priorität Gesundheitssport auf der Liste, sondern die wollen ja ihren Wettkampfsport und ihren Wettkampfbetrieb aufrecht halten und dafür sorgen, dass die Vereine weiterhin Tennis anbieten. Aber die Leute sollen es ja auch gesund machen, damit sie bis ins hohe Alter, mit 80 Jahren auch noch an der Medienrunde teilnehmen können. Wo können vielleicht auch Fachverbände Chancen sehen und sich auch für Gesundheitssport aktiv zeigen? 

Ein zentraler Punkt ist die Professionalisierung. Im Gesundheitssport sind viele Akteure tätig, die bereits sehr professionell arbeiten. Vereine und Verbände müssen deshalb darauf achten, entsprechende Kompetenzen und Qualifikationen aufzubauen. Das kann über gezielte Weiterbildungen im Ehrenamt geschehen, aber auch über hauptamtliche Mitarbeitende oder beispielsweise dual Studierende, die von Beginn an im Verein mitarbeiten und parallel qualifiziert werden. 
Gesundheitssport braucht professionelle Strukturen und gut ausgebildete Menschen. Gleichzeitig sollten Vereine und Verbände Netzwerke und Kooperationen stärker nutzen. Nicht jede Leistung muss der Verein selbst erbringen. Kooperationen können ermöglichen, die eigene Vereins-DNA zu bewahren und gleichzeitig Kompetenzen einzubinden, die andere Akteure besser abdecken können. 

​Und wenn wir nochmal auf die Verbände schauen, wo würden Sie sagen, dass es für einen Fachverband schon wichtig, auch Gesundheitssport im Blick zu halten – und nicht nur seine Fachsportart? Damit zum Beispiel aus dem rein sportlichen Training im Tischtennis eben auch ein Gesundheitssport wird? 

Viele klassische Sportarten sind gar nicht so weit vom Gesundheitssport entfernt. Häufig muss lediglich der Fokus verändert werden. Wer am Wochenende Tennis oder Fußball spielt, tut zunächst einmal bereits etwas gegen Bewegungsmangel. 
Die Herausforderung entsteht oft beim Übergang in spätere Lebensphasen. Viele Menschen spielen beispielsweise bis zum Alter von 40 oder 50 Jahren Fußball und hören dann aufgrund von Verletzungen oder körperlichen Beschwerden auf. Die Alternative sollte nicht sein, anschließend nur noch sonntags Sport im Fernsehen zu schauen. Hier können Vereine gezielt neue Angebote schaffen – beispielsweise den Übergang vom klassischen Fußball zum Gehfußball. 
Auch ergänzende Angebote sind denkbar. Eine AH-Fußballmannschaft könnte beispielsweise zusätzlich einmal pro Woche ein 30-minütiges Krafttraining durchführen. Dabei muss nicht allein die sportliche Leistung im Mittelpunkt stehen. Wenn mehrere Spieler Rückenbeschwerden haben, kann ein solches Zusatzangebot ganz gezielt auch gesundheitliche Ziele verfolgen. 

Das Interview führte Dominik Sonndag

Zur Person:
Dr. Andreas Barz (34) ist in Bayern aufgewachsen und lebt seit zehn Jahren im Saarland. Der passionierte Ausdauersportler (Triathlon, Marathon), der sich zweimal pro Woche dem Krafttraining widmet, verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung als Fitness- und Personaltrainer mit über 500 Einzelcoachings. Nach seinem Studium hatte er den Master of Science in Gesundheitssport an der Universität des Saarlandes in der Tasche (2022), ehe er in Medizinwissenschaften promovierte (2025). Forschungsarbeiten und Publikationen von Dr. Barz gibt es zu den Effekten von Ausdauertraining in der Primärprävention und individualisiertem Training in der Rehabilitation von Long COVID. Seit dem Jahr 2021 arbeitet der Gesundheitssport-Experte als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Trainingswissenschaft der Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) in Saarbrücken. Darüber hinaus ist Dr. Barz in der Ausbildung von Fitnesstrainern und Sport- und Bewegungstherapeuten tätig und hält Vorträge, verfasst Fachartikel und gibt Medieninterviews zu aktuellen Themen der Trainings- und Gesundheitswissenschaften wie Longevity oder digitale Trainingstools.