Rund 15 Frauen stehen im Kreis, die Arme werden gehoben, Schultern gekreist, Beine bewegt. Mal geht es langsam und kontrolliert, mal werden die Bewegungen größer, ein anderes Mal werden Übungen auf dem Stuhl ausgeführt. Eine Stunde lang arbeitet die Gruppe an Beweglichkeit, Kraft und Stabilität. Was auf den ersten Blick nach ruhiger Gymnastik aussieht, ist genau das, was die Teilnehmerinnen brauchen. Nach der Stunde lautet ihre Bilanz:
Belebt, aktiviert.
Und trotzdem entspannt.
Es ist Mittwoch beim TV 1848 Oberstein. Die Rehasportgruppe Orthopädie trifft sich im oberen Turnsaal im Stadttheater Idar-Oberstein. Ein ungewöhnlicher, aber dennoch passender Ort für Sport: Bei Veranstaltungen im Stadttheater wird die Halle auch als Foyer genutzt. Für den TV Oberstein ist sie dagegen ein wichtiger Baustein seiner Sportinfrastruktur. Neben der Halle und einem weiteren Turnsaal befindet sich im Gebäude auch die Geschäftsstelle und ein Fitnessstudio des Vereins.
Stephanie Philippi kennt ihre Gruppe genau. Seit vier Jahren ist sie als Rehasport-Übungsleiterin aktiv. Der Kurs folgt einem Prinzip: vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Komplizierten. Zu Beginn wird mit dem eigenen Körpergewicht gearbeitet, Übungen im Sitzen und mit dem Stuhl gehören dazu. Im Laufe des Jahres geht es von der Stuhlgymnastik über Übungen im Stehen bis auf die Matte. „Da sieht man auch die Erfolge“, sagt Stephanie Philippi.
Und die zeigen sich nicht unbedingt spektakulär. Manchmal sind es kleine Veränderungen im Alltag. Die Übungsleiterin beobachtet, wie Teilnehmer*innen durch die Stadt gehen oder wie sie bei einer Gesellschaft vom Stuhl aufstehen. „Man sieht es einfach.“ Regelmäßigkeit macht den Unterschied.
Vom Zufall zum festen Vereinsbaustein
Dass Gesundheitssport beim TV Oberstein heute einen solchen Stellenwert hat, war vor rund 30 Jahren zunächst gar nicht als großes Konzept geplant. Die Übungsleiterin Waltraud Maurer wollte den Gesundheitssport in den Verein bringen – so absolvierte sie 1998 die Ausbildung zur S-Lizenz Koronarsport. Der Verein ließ sich auf den damals neuen Sportbereich Gesundheitssport ein. Aus dem ersten Rehasportangebot entwickelte sich über die Jahre ein breites Angebot.
Heute gibt es rund 15 verschiedene Gesundheitssportkurse: Rehasport, Herzsport, Aquafitness, Angebote für Haltung und Bewegung sowie Präventionskurse. Hinzu kommen spezielle, von der Landeszentrale für Gesundheitsförderung geförderte Angebote für Erwerbslose. Viele Kurse sind gut ausgelastet, bei Reha- und Herzsport sowie bei Aquafitness gibt es Wartelisten.
Es gehe darum, Spaß an Sport und Bewegung zu vermitteln – aber eben auch um den Gesundheitsaspekt. Gerade in einer Gesellschaft, in der viele Menschen einen großen Teil des Tages sitzend verbringen, müsse Bewegung frühzeitig ansetzen.
Das passt zum Selbstverständnis des TV Oberstein. Der Mehrspartenverein mit knapp 1.200 Mitgliedern ist überregional bekannt für sportliche Erfolge – insbesondere die Rope-Skipping-Abteilung hat in den vergangenen Jahren auch international für Aufsehen gesorgt. Doch der Verein definiert sich nicht allein über Leistung. Gesundheitssport ist für Kannengießer und Sportmanagerin Kora Sauer inzwischen ein wichtiger Teil der Vereinsarbeit.
„Wir haben im Prinzip zweimal den Fokus“, erklärt Kannengießer. Zum einen auf Kinder und Jugendliche, zum anderen auf die ältere Generation. Gesundheitssport sei deshalb keineswegs ein Nebengeschäft, sondern ein Hauptaspekt der Vereinsarbeit.
Die Teilnehmerinnen bestätigen, dass gerade der soziale Zusammenhalt der Gruppe dabei hilft. Zu Hause werde Bewegung schnell aufgeschoben. „Der innere Schweinehund sagt: Du machst es später oder morgen.“ In der Gruppe dagegen gibt es einen festen Termin, Unterstützung und Korrekturen.
Dazu kommt der soziale Faktor. „Durch die Gruppe hat man mehr Spaß“, sagt eine Teilnehmerin. Die Stimmung sei wichtig, ebenso die Trainerin und die Möglichkeit, sich gegenseitig zu beobachten und zu korrigieren. Aus einer verordneten Sportstunde entsteht mit der Zeit eine Gemeinschaft.
Für den Verein aus der Edelsteinstadt ist genau das ein entscheidender Unterschied zu einem rein kommerziellen Angebot. Auch Teilnehmer*innen, die zunächst keine Vereinsmitglieder sind, fühlen sich nach einiger Zeit zugehörig. Und nicht selten bleibt es nicht beim Rehasport.
Von der Reha in den Verein
Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie über den Rehasport den Weg zurück in den Verein gefunden hat. „Ich habe mich wirklich zurückgekämpft“, sagt sie. Heute ist sie selbst Übungsleiterin beim TV Oberstein.
Auch andere machen nach dem Rehasport weiter. Wer merkt, dass mehr möglich ist, wechselt in Funktionsgymnastik, Zirkeltraining, Zumba oder sogar Jumping. Dabei hilft die Rückmeldung der Übungsleiter*innen. Sie können einschätzen, welche Belastung möglich ist – und nehmen damit Ängste.
Julia Kannengießer kennt solche Entwicklungen aus ihren eigenen Kursen. Menschen, die sich wegen Knieproblemen oder anderer Beschwerden zunächst kaum etwas zutrauten, stehen irgendwann auf dem Trampolin und absolvieren ein 40-minütiges Cardioprogramm. „Und freuen sich danach, dass sie das auch noch geschafft haben oder wieder schaffen können.“

Qualität braucht Voraussetzungen
Damit das funktioniert, braucht es qualifizierte Übungsleiter*innen. Beim TV Oberstein sind sieben Personen im Gesundheitssport aktiv. Sie verfügen über entsprechende B-Lizenzen in Prävention beziehungsweise Gesundheitssport. Philippi selbst hat neben der Übungsleiter-C-Lizenz Breitensport die B-Qualifikationen für Rehasport und Prävention erworben.
Für einen Verein ist das eine Investition – finanziell und personell. Der TV Oberstein versucht deshalb, die Aus- und Fortbildungen seiner Übungsleiter*innen zu finanzieren. Auch die Vergütung qualifizierter Kräfte ist höher. Hinzu kommen besondere Anforderungen wie Ausstattung und beim Herzsport die regelmäßige ärztliche Begleitung sowie Notfallausrüstung.
Der größte Engpass liegt für den TV Oberstein derzeit allerdings weniger beim Personal als bei den verfügbaren Räumlichkeiten. Die Nachfrage ist da. Die Wartelisten zeigen es. Doch zusätzliche Kurse brauchen Hallenzeiten.
Auch der Verwaltungsaufwand ist nicht zu unterschätzen. Abrechnungen mit Krankenkassen, Bescheinigungen und im Rehasport die Genehmigung von Verordnungen gehören zum Alltag.
Beim TV Oberstein übernimmt Sportmanagerin Sauer einen großen Teil dieser Aufgaben. Dass es eine hauptamtliche Stelle gibt, macht den Gesundheitssport leichter organisierbar. Gleichzeitig weiß sie: „Für einen Verein, der nur ehrenamtlich aufgestellt ist, wird das dann schon schwierig.“
Auch für die Teilnehmer*innen zahlt sich die Qualität der Angebote aus: Präventionskurse können von den gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst werden. Beim TV Oberstein erhalten die Teilnehmer*innen nach regelmäßiger Teilnahme eine Bescheinigung, mit der sie sich je nach Krankenkasse einen Großteil – laut Sauer zwischen 70 und 100 Prozent – der Kurskosten erstatten lassen können. Voraussetzung für solche Angebote ist unter anderem das Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT. Der Weg dorthin ist für Vereine mit den entsprechenden Qualifikationen und einem standardisierten Programm des Sportbundes allerdings vergleichsweise unkompliziert.
Ein Modell mit Zukunft
Trotz aller Herausforderungen blickt der TV Oberstein optimistisch nach vorne. Wenn die Nachfrage weiter steigt, sollen weitere Kurse entstehen. Fünf oder sechs zusätzliche Angebote im Gesundheitssport kann sich Sauer langfristig vorstellen. Denkbar sind außerdem Kooperationen mit anderen Vereinen, etwa wenn einer über die nötige Qualifikation und der andere über die passenden Räume verfügt.
Dass Vereine dabei nicht nur Konkurrenten sein müssen, zeigt der TV Oberstein bereits im Alltag. Man kennt sich, tauscht sich aus und verweist Interessierte auch einmal an Angebote anderer Vereine, wenn das eigene Angebot nicht passt. „Das muss miteinander gehen und nicht gegeneinander“, sagt Kannengießer.
Im Turnsaal am Fuße der berühmten Felsenkirche hat die Rehasportgruppe inzwischen ihre Stunde beendet. Die Teilnehmerinnen stehen beisammen, reden miteinander, lachen. Was ihnen fehlen würde, wenn es das Angebot nicht mehr gäbe? Die Antworten kommen schnell: „Gesundheit. Spaß. Lebensqualität. Stabilität. Die Trainerin. Die anderen Teilnehmerinnen.“
Es sind große Worte für eine scheinbar kleine Sportstunde. Doch manchmal ist die Sportstunde nur der Anfang eines Weges, der weiterführt, als zunächst gedacht. Aus einer Rehastunde wird dann vielleicht ein neuer Sportkurs. Aus Teilnehmenden werden Vereinsmitglieder. Und aus Mitgliedern mitunter sogar Übungsleiter*innen.
Dominik Stuntz
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